Mehr Sicherheit auf Landstraßen: Wie Assistenzsysteme unterstützen

Dr. Stefan Benz & Nadine Lindt von der Robert Bosch GmbH

Auto Landstraße Berge Geröll
Fahrsicherheits- und Fahrerassistenzsystemen können lebensrettend sein. Foto: Bosch

Die Statistik zeigt, dass Unfälle auf Landstraßen keine Seltenheit sind. Bereits kleine Fahrfehler können schwerwiegende Folgen nach sich ziehen. Damit das nicht passiert, arbeitet die Automobilbranche an lebensrettenden Fahrsicherheits- und Fahrerassistenzsystemen für verschiedene Fahrzeugsegmente.

Allein im Jahr 2019 wurden 300.143 Unfälle mit Personenschaden auf deutschen Straßen erfasst. Obwohl nur jeder vierte Unfall (24 Prozent) auf Landstraßen passierte, gab es dort die meisten Verkehrstoten: Nahezu zwei Drittel (58 Prozent) von insgesamt 2.877 Unfällen mit Todesfolge ereigneten sich außerorts. Dass Landstraßen für motorisierte Zweiräder die wohl größte Gefahr bergen, zeigt vor allem die hohe Todeszahl: 75 Prozent von insgesamt 543 tödlichen Unfällen haben außerorts stattgefunden. Kein Wunder, denn auch nahezu zwei Drittel (63 Prozent) aller tödlichen Unfälle, bei denen ein Pkw beteiligt war, ereigneten sich außerhalb geschlossener Ortschaften. Auch für Lastkraftwagen bergen Landstraßen Risiken. 45 Prozent der 639 tödlichen Unfälle wurden dort registriert.

Doch was macht Landstraßen so gefährlich?

Gerade auf Landstraßen tendieren viele Fahrerinnen und Fahrer dazu, schneller zu fahren als erlaubt. In mehr als 20 Prozent der Fälle, bei insgesamt 72.538 Unfällen mit Personenschaden außerorts, liegt die Ursache in einer unangepassten Geschwindigkeit; 15 Prozent sind auf falsches Abstandsverhalten zurückzuführen. Somit sind Geschwindigkeitsüberschreitungen und Abstandsunterschreitungen außerorts die häufigsten Gründe für Unfällen mit Personenschaden.

Unfälle außerorts haben häufig mehrere Unfallursachen

Dabei lässt sich ein Unfall nicht immer nur auf eine Ursache zurückführen, sondern kann auch die Folge verschiedener, kombinierter Fahrfehler sein. Neben dem Fehlverhalten des Fahrenden stellen scharfe Kurven, ungünstige Wetterverhältnisse und fehlende Fahrbahnmarkierungen und -begrenzungen erhöhte Risiken dar. Die Konsequenzen: Verlust der Fahrzeugkontrolle und in Folge das Abkommen von der Fahrbahn. Fast jeder zehnte Unfall auf Landstraßen endet mit einer Kollision gegen einen Baum.
Auch nahezu jeder fünfte Unfall außerorts ist eine Kollision mit einem wartenden oder vorausfahrenden Fahrzeug. Gerade Lastkraftwagen kollidieren auf Landstraßen häufig mit anderen Fahrzeugen.

Fahrerassistenzsysteme für verschiedene Fahrzeugsegmente

Die Zahlen machen deutlich, dass bereits kleine Fahrfehler schwerwiegende Folgen nach sich ziehen können. Um diesen vorzubeugen, arbeitet man in der Automobilbranche, wie etwa bei Bosch, an lebensrettenden Fahrsicherheits- und Fahrerassistenzsystemen für verschiedene Fahrzeugsegmente. Dabei unterstützt die Bosch Unfallforschung bei der Auslegung und der Entwicklung dieser Systeme und schätzt deren Relevanz und Wirksamkeit im Realunfallgeschehen ab, unter der Annahme, dass jedes Fahrzeug mit dem jeweiligen System ausgestattet ist.  

Assistenzsysteme unterstützen

Ist ein Unfall unvermeidbar können vor allem passive Sicherheitssysteme wie der Airbag die Unfallschwere für Lkw- und Pkw-Fahrende reduzieren. Bei Motorrädern liegt der Fokus im Falle eines Unfalls auf automatischen Notruflösungen, die Unfälle automatisch detektieren und direkt Hilfe, etwa über das Bosch Service Center, anfordern.

Wichtig sind Systeme, die während der Fahrt unterstützen

Um es gar nicht erst so weit kommen zu lassen, bedarf es Systeme, die bereits während der Fahrt unterstützen. Hier kommen Assistenzsysteme ins Spiel: Sie helfen dabei, vorausschauend zu fahren und Fahrfehler zu erkennen. Um Geschwindigkeitsüberschreitungenauf Landstraßen Einhalt zu gebieten, kann eine Verkehrszeicheninformation Fahrenden dabei helfen, die geltende Geschwindigkeit stets im Blick zu haben. Zudem können sie vor dem Überschreiten der Höchstgeschwindigkeit und dem Überholen bei gültigem Überholverbot warnen. Wird das Tempo nicht angepasst oder führen einschränkende Sicht- oder Wetterbedingungen dazu, dass der Fahrer oder die Fahrerin etwa in Kurvenfahrten die Kontrolle über das Fahrzeug verliert, dann können weitere Systeme helfen.

Das Elektronische Stabilitäts-Programm (ESP®) unterstützt Pkw-Fahrende in nahezu allen kritischen Fahrsituationen. Es umfasst die Funktionen des Antiblockiersystems (ABS) und der Antriebsschlupfregelung (ASR), erkennt ein Ausbrechen des Fahrzeugs und wirkt diesem aktiv entgegen. Bis zu 80 Prozent aller Schleuderunfälle lassen sich damit verhindern.

Assistenzsysteme speziell fürs Motorrad

Ähnlich wie das ESP® gibt es für Motorräder speziell entwickelte Fahrsicherheitssysteme – und das nicht nur für die Landstraße: Neben dem Motorrad-ABS (Antiblockiersystem) unterstützt die Motorradstabilitätskontrolle (MSC) Motorradfahrende bei Geradeaus- und Kurvenfahrt, sowie beim Bremsen und Beschleunigen auf glatten oder rutschigen Fahrbahnoberflächen und schwierigen Fahrbahnbedingungen. Etwa 30 Prozent aller Unfälle mit motorisierten Zweirädern in Deutschland, die zu Verletzungen führen, könnten durch die MSC verhindert werden.

Um ein unbewusstes, unabsichtliches Abkommen von der eigenen Fahrbahn zu verhindern, helfen Spurassistenzsysteme. Der Spurverlassenswarner warnt den Fahrenden vor dem Verlassen der markierten Fahrspur und hilft dadurch Unfälle zu vermeiden. Spurhalteassistent und Spurmittenführung gehen noch einen Schritt weiter. Sie unterstützen Fahrende aktiv beim Halten der markierten Fahrspur. Bis zu 26 Prozent aller relevanten Pkw-Unfälle mit Verletzten und Getöteten können mit dem Spurhalteassistenten verhindert werden.

Notfall-Spurhalteassistent besonders wirksam im Lastverkehr

Ist keine Fahrbahnrandmarkierung vorhanden, kann beispielsweise der Notfall-Spurhalteassistent greifen. Kommt der Fahrende vom befahrbaren Untergrund ab und reagiert nicht rechtzeitig, lenkt der Notfall-Spurhalteassistent das Fahrzeug aktiv zurück in die Fahrspur. Solche Funktionen sind besonders wirksam im Lastverkehr. Bis zu 26 Prozent der durch schwere Nutzfahrzeuge verursachten Unfälle mit Personenschaden werden durch Spurassistenzsysteme adressiert. Mehr noch – in bis zu 38 Prozent aller Lkw-Unfälle, die auf ein ungewolltes Verlassen der Fahrbahn zurückzuführen sind, könnte ein Spurverlassenswarner unterstützend eingreifen.

Notbremsassistent: Vermeidung von Auffahrunfällen

Wie die Unfallstatistik zeigt, haben sich außerorts allein im Jahr 2019 insgesamt 22 261 Unfälle mit Personenschaden ereignet, die mit der Kollision mit einem anderen Fahrzeug einhergingen. Auffahrunfälle mit einem vorausfahrenden oder wartenden Fahrzeug können mit einem automatischen Notbremsassistenzsystem vermieden oder in ihrer Schwere gemindert werden. Auf diese Weise können bis zu 72 Prozent aller Pkw-Auffahrunfälle mit Personenschaden vermieden werden. Bei den durch schwere Nutzfahrzeuge verursachten Unfällen können mit der automatischen Notbremsung bis zu 34 Prozent verhindert werden.

Notbremsassistenten der Zukunft

Künftige automatische Notbremsassistenzsysteme und Notausweichsysteme werden auch entgegenkommende Fahrzeuge erkennen und sind somit entscheidend für kritische Situationen auf der Landstraße. Auch radarbasierte Assistenzsysteme (ARAS) für Motorräder, wie der Totwinkelassistent oder die Kollisionswarnung, könnten die Unfallgefahr deutlich verringern und jeden siebten Motorradunfall verhindern.

Wie gefährlich und vor allem tödlich Landstraßen sein können, haben Automobilindustrie, Gesetzgeber und auch Organisationen wie Euro NCAP bereits erkannt. So werden etwa Systeme wie die Verkehrszeicheninformation oder die automatische Notbremsung zunehmend in der Gesetzgebung verankert – für die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer.


Bosch Mobility Solutions

Portraitfoto Mann Dr. Stefan Benz

Dr. Stefan Benz

Dr. Stefan Benz ist bei der Robert Bosch GmbH für Technisches Marketing und Politikberatung für Fahrzeugsicherheitstechnologien zuständig. Davor hatte er unterschiedliche Aufgaben bei Bosch in der Entwicklung von Fahrerassistenzsystemen sowie im Bereich Elektromobilität.

Foto: Privat

Nadine Lindt

Nadine Lindt ist Kommunikationsmanagerin für digitale Medien bei der Robert Bosch GmbH. Ihre Schwerpunktthemen reichen dabei vom assistierten und automatisierten Fahren bis hin zu Fahrzeugcomputern und E/E-Architektur.

Foto: Privat

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