Sicher Radfahren – auch außerhalb der Stadt

Rebecca Peters, stellvertretende Bundesvorsitzende des ADFC

Fahrrad, Landstraße, Verkehrssicherheit
Für mehr Sicherheit beim Radfahren in ländlichen Räumen, muss vor allem die Infrastruktur sicher ausgebaut werden. Foto: Petair, Nr. 235992650, Adobe Stock

Eine umfassende Verkehrswende kann nur dann gelingen, wenn der ländliche Raum mehr Aufmerksamkeit bekommt. Viel zu oft liegt der Fokus stark oder sogar ausschließlich auf den Städten.

Sie gelten als Schlüssel zur Verkehrswende. 35 bis 95% der Gesamtfläche Deutschlands sind als ländlicher Raum definiert, dieser Teil beherbergt 15 bis 60% der Gesamtbevölkerung. Je nach Definition gehen die Werte stark auseinander, sodass der Wert, nach dem man sich richten kann, vermutlich in der Mitte liegt. So rechnet auch Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) mit 36% der Bevölkerung und 68% der Fläche.
Was alle diese Zahlen gemeinsam haben? Sie zeigen, dass es eben nicht nur um eine Handvoll Menschen geht, sondern um beachtliche Teile der Bevölkerung und der Fläche, die bei der Verkehrspolitik ausgeklammert und nicht berücksichtigt werden. Im ländlichen Raum sei man auf das Auto angewiesen, ist dabei die wohl prominenteste Aussage. Die Suche nach Lösungen wird davon jedoch nicht angestoßen.

Mehr Fahrradfreundlichkeit außerhalb städtischer Gebiete notwendig

Auch sind es vor allem diese Menschen, die eben nicht dort arbeiten, einkaufen oder zur Schule gehen, wo sie wohnen, sondern dafür in die umliegenden Kommunen oder Städte pendeln (müssen).

Um also ein gleichberechtigtes und klimafreundliches Verkehrssystem zu erreichen, müssen unterschiedliche Räume vernetzt gedacht und geplant werden. Kurz: die Verbindungen zwischen städtischen und ländlichen Räumen und auch von ländlichen Räumen untereinander haben eine zentrale Bedeutung.

Alltagswege als Schlüssel

Radverkehr wird in vielen Diskussion hauptsächlich als städtisches Thema wahrgenommen und definiert. Das hat einerseits zur Folge, dass der ländliche Raum nicht behandelt wird, andererseits gibt es dadurch nur wenige Bewegungen hin zu mehr Fahrradfreundlichkeit in den nicht-städtischen Gebieten. Lediglich im Tourismus oder Freizeitverkehr werden Radwege im ländlichen Raum und außerorts behandelt und erhalten eindeutig Vorzug. Diese Orientierung führt aber dazu, dass Routen meistens nicht die schnellste Verbindung darstellen und kaum Alternativen zum Auto bieten. Vor allem schön und ruhig, am liebsten im Grünen soll es sein. Geradlinige und schnelle Verbindungen sind weniger wichtig als der Erholungsfaktor. „Umwege“ sind kein Problem, der Zeitfaktor spielt eine geringe Rolle.

Schnelle Verbindungen für den Radverkehr

Dem entgegen stehen Ansprüche an Alltags- und Arbeitswege, auf denen Zeit und die Vermeidung von Umwegen die Verkehrsmittelwahl entscheiden. Direkte und schnelle Verbindungen werden eindeutig bevorzugt, der schnellste Weg ist besser als der schönste. Sicherlich möchten Menschen am liebsten beides haben: einen Weg, den man sowohl touristisch zur Erholung, als auch schnell zum Pendeln nutzen kann.

Warum beim Radverkehr in ländlichen Räumen Netze wichtig sind

Diese Überschneidungen sind aber eher selten gegeben und so muss größtenteils über verschiedene Netze nachgedacht werden. Es reicht also nicht aus, touristische und Freizeitwege einzurichten oder darauf zu verweisen. Gerade für Alltagswege und Berufspendler*innen sollte ein Radwegenetz abseits von Landstraßen vorhanden sein, das wichtige Punkte ähnlich direkt verbindet. Dies vermeidet Umwege, schafft ein angenehmes Umfeld, bietet sichere Wege und somit eine attraktive Alternative zum Auto. Um auch nicht Ortskundigen diese Wege schmackhaft zu machen, bedarf es einer eigenen Wegweisung, damit die schnellen Verbindungen auch wirklich schnell genutzt werden können.

Verkehrssicherheit außerorts – die Land- und Bundesstraßen

Nur 10% des Radverkehrs spielt sich außerhalb geschlossener Ortschaften ab, trotzdem ereignen sich hier rund 40% der Todesfälle im Radverkehr. Ausschlaggebend hierbei sind die hohen Geschwindigkeiten, bei denen Unfälle für Radfahrende meist tödlich ausgehen. Die Unfallschwerpunkte sind allerdings wie innerorts auch außerorts Kreuzungen und Fahrbahnquerungen. Genau diese Punkte sind für Radfahrer*innen wichtig, weil Radwege oftmals nur einseitig angelegt sind, jedoch auch Ziele auf der anderen Seite erreicht werden müssen. Ungeschützte Querungen und hohe Geschwindigkeiten führen zu folgenschweren Unfällen.

Eine getrennte und sichere Infrastruktur für den Radverkehr ist außerorts also sogar noch wichtiger als innerorts. Insbesondere Radverkehrsanlagen abseits der schnell und viel befahrenen Landstraßen vermeiden diese Gefährdungen und Unfälle. Zudem tragen sie dazu bei, dass die subjektive Sicherheit steigt, das bedeutet Radfahrer*innen haben ein sicheres Gefühl beim Fahren, und nutzen das Rad gerne und öfter oder werden sogar dazu bewegt vom Auto auf das Rad umzusteigen.

Natürlich ist es nicht immer möglich eine getrennte Infrastruktur einzurichten. Hier müssen entsprechende Anpassungen getroffen werden, um Unfälle zu vermeiden und ein sicheres Gefühl für Radfahrende zu schaffen.

Farbe ist keine Infrastruktur – Schutzstreifen und Radfahrstreifen

So unterschiedlich urbane und ländliche Räume sind, eines haben sie gemeinsam: Umsteigen und Radfahren ist nur dann attraktiv, wenn eine getrennte und sichere Qualitätsinfrastruktur vorhanden ist.

Nicht immer ist es möglich eine parallele Route zu finden und für den Radverkehr nutzbar zu machen, dann wird auf fahrbahnbegleitende Wege gesetzt. Diese bieten den klaren Vorteil, dass Landstraßen asphaltiert sind und ein angenehmes Fahrgefühl bieten. Wie bereits zuvor erwähnt, sind fahrbahnbegleitende Varianten oft nur einseitig angelegt; Straßenquerungen oder Blenden des Gegenverkehrs werden von Radfahrenden in dem Zusammenhang oft beklagt. Doch auch für die Sicherheit und das Sicherheitsgefühl ergeben sich zahlreiche Folgen.

Schutzstreifen außerorts sollten die Ausnahme bleiben

Nicht immer ist es möglich separierte Radwege einzurichten; an vielen Stellen werden dann Schutzstreifen oder Radfahrstreifen markiert. Schutzstreifen dürfen legal vom Kraftverkehr mitgenutzt werden, wodurch sich häufig Konflikte und gefährliche Situationen zwischen dem Radverkehr und dem Kraftverkehr ergeben. Schutzstreifen suggerieren allen Verkehrsteilnehmer*innen Sicherheit und überzeugen v.a. Kraftfahrer*innen davon, dass ausreichend Abstand zum Überholen vorhanden sei. Leider ist dies nicht der Fall, sodass bei Schutzstreifen enger überholt wird als ohne. Sie können daher nur Ausnahmefälle sein, wenn bauliche Anlagen oder breite Streifen nicht möglich sind.

Werden Schutzstreifen außerorts als Ausnahmefall oder Übergangslösung eingerichtet, müssen darüber hinaus weitere Maßnahmen getroffen werden, um die Verkehrssicherheit zu erhöhen. Sie sollten daher nur an schwach befahrenen und gut einsehbaren Straßen markiert werden. Zusätzlich zur markierten Linie sind auch Einfärbungen zur besseren Abgrenzung und Sichtbarkeit sinnvoll, ebenso wie ausreichende Breiten, gute Beleuchtung und Markierungen am äußeren Rand, damit auch bei Dunkelheit beide Begrenzungen für den Radverkehr erkennbar sind.

Mehr Untersuchungen zur Radinfrastruktur in ländlichen Gebieten notwendig

Grundsätzlich braucht es vor allem zu Geschwindigkeiten, Breiten und Kfz-Stärken noch deutlich mehr Untersuchungen. Hier gibt es zu wenige Daten, um konkrete und sinnvolle Zahlen nennen zu können. Vieles basiert auf den wenigen Untersuchungen, Modellversuchen und Annahmen, die vereinzelt zum Vergleich genutzt werden. Klar ist jedoch, dass Schutzstreifen nicht die Suche nach sicheren Varianten für den Radverkehr ersetzen. Sie können lediglich temporäre Lösungen oder Elemente zum Lückenschluss darstellen, keinesfalls aber separate Radwege ersetzen. Auch sollten sie niemals als alleinstehende Maßnahme markiert werden, sondern immer mit weiteren Maßnahmen einhergehen, die die Verkehrssicherheit so weit wie möglich erhöhen.

Voraussetzungen für die Gestaltung von Radfahrstreifen außerhalb von Ortschaften

Breite durchgehende Streifen mit mindestens zwei Metern Breite sind eine gut geeignete Führungsform an Hauptverkehrsstraßen. Doch auch hier müssen gewisse Bedingungen berücksichtigt werden, damit objektive und subjektive Sicherheit gewährleistet ist. Radfahrstreifen sollten so breit angelegt sein, dass einerseits das gegenseitige Überholen unterschiedlicher Fahrradtypen möglich ist, andererseits aber auch Kraftfahrzeuge ausreichend Abstand beim Überholen der Radfahrenden halten können.

Zum deutlichen Abgrenzen und für noch mehr Sicherheit, können einfache Trennelemente angebracht werden, die das Überfahren oder zu enge Überholen verhindern. Verglichen mit Schutzstreifen bieten Radfahrstreifen mehr Sicherheit, da sie nicht vom Kfz-Verkehr überfahren oder mitgenutzt werden dürfen, breiter markiert werden und mit der durchgezogenen Linie schon für eine optische Abgrenzung sorgen.

In Bezug auf die subjektive Sicherheit fehlen jedoch trotzdem Trennelemente zum weiteren Schutz. Auch hier empfiehlt es sich zum einen weitere Maßnahmen wie Einfärbung, Beleuchtung und Geschwindigkeitsreduzierung zu ergreifen. Zum anderen aber auch Forschungen anzustoßen, die positive und negative Effekte, sowie Handlungsempfehlungen detailliert untersuchen und herausarbeiten können.


Bundeszentrale für politische Bildung: Was sind eigentlich ländliche Räume?

Rebecca Peters, stv. Bundesvorsitzende ADFC

Rebecca Peters

Rebecca Peters ist stellvertretende Vorsitzende des ADFC und aktiv im Bereich Verkehrspolitik. Derzeit studiert sie im Master Governance und Raum am Geographischen Institut der Universität Bonn. Neben der Mobilität spielen dabei auch feministische Ansätze, die Einbindung junger Menschen und das Empowerment benachteiligter Gruppen eine Rolle.

Foto: ADFC

1 Kommentar

  1. Wir brauchen in unserer Gemeinde, einem ganzjährig attraktiven und beliebtem Fremdenverkehrsort, endlich den ehrlichen politischen Willen, für die Einheimischen, sowie Radfahrer aus Nah und Fern, sichere, bequeme, komfortable Wege fürs Rad im Ort und aus diesem heraus anzulegen. Die immer größere Beliebtheit des Fahrrades als Fortbewegungsmittel in Alltag und Freizeit macht dies zwingend erforderlich.

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