Sicher unterwegs auf Wegen und Dienstwegen im ländlichen Raum

Dr. Sven Timm, Leiter Stabsbereich Prävention der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung

Ein Lkw überholt einen anderen Lkw auf einer Landstraße
Wege- und Dienstwegeunfälle auf Landstraßen können einfach vermieden werden: mit Gelassenheit, Übung und Rücksichtnahme; Foto: am, Nr. 155635964, Adobe Stock

Mehr als 90 Prozent der Unfälle mit Personenschaden im Straßenverkehr sind Untersuchungen zufolge auf menschliches Fehlverhalten als häufigste Ursache zurückzuführen. Doch das ließe sich auf Wegen und Dienstwegen ändern – mit mehr Rücksichtnahme, Gelassenheit und Übung.

Leider sind auch im ersten Pandemiejahr 2020 mehr als 90 Prozent aller Unfälle mit Personenschaden auf menschliches Fehlverhalten zurückzuführen, auch wenn die absoluten Zahlen durch die Mobilitätseinschränkungen niedriger sind.

Die Folgen von Unfällen auf Landstraßen sind besonders dramatisch

Die Ergebnisse aller analysierten Unfälle sind eindeutig: Zwar werden mehr als zwei Drittel der Unfälle mit Personenschaden innerhalb von Ortschaften registriert, jedoch haben Unfälle auf Landstraßen die schrecklichsten Folgen. Weit mehr als die Hälfte der im Straßenverkehr getöteten Verkehrsteilnehmenden verunglücken auf Landstraßen, obwohl sich nur etwa ein Viertel der Unfälle mit Personenschaden außerorts ereignen.

Erhöhtes Unfallrisiko: nicht angepasste Geschwindigkeit, waghalsige Überholmanöver

Häufigste Ursache sind das Abkommen von der Fahrbahn auf Grund situationsunangepasster und überhöhter Geschwindigkeit (beeinträchtigte Straßenverhältnisse bei schlechter Witterung!). Dies geschieht zudem häufig in Verbindung mit anderen Fehlern wie dem zu waghalsigen Überholen, insbesondere auf Landstraßen mit nur einer Fahrbahn je Richtung. Nicht selten sind diese Fehler auf Fehleinschätzungen und Unkenntnis der fahrtechnischen Erfordernisse zurückzuführen.

Mehr Sicherheit durch fehlerverzeihende Verkehrssysteme

Über 40 Prozent der Wegeunfälle, die von den Trägern der gesetzlichen Unfallversicherung zu entschädigen sind, stehen im Zusammenhang mit Kraftfahrzeugen. Nur 2,3 Prozent der verletzten Versicherten waren Beifahrerinnen und Beifahrer – zumeist handelt es sich also um die Fahrerin oder den Fahrer. Und Fahrer*innen sind noch Menschen und Menschen machen Fehler. Deshalb fordert die Präventionsstrategie der Vision Zero auch fehlerverzeihende Verkehrssysteme. Ein weiterer Aspekt sind die fahrtechnischen Fähigkeiten der Fahrzeugführenden. Gefragt sind Erfahrung und Wissen, die unverzichtbar sind, wenn es darum geht, sicher am Ziel anzukommen und Unfälle zu vermeiden.

Wissen und Übung helfen sicherer zu fahren

Um beispielsweise sicher zu überholen, braucht es dieses Wissen und die Erfahrung. So ist beim Überholen nicht nur die eigene Geschwindigkeit adäquat anzupassen sowie die des zu überholenden Fahrzeugs einzuschätzen. Es ist auch die Geschwindigkeit von Gegenverkehr einzukalkulieren – eine Rechnung mit mindesten zwei Unbekannten, die leider zu oft schiefgeht.

Überholvorgänge werden häufig falsch eingeschätzt

Auch die erforderlichen Abstände werden zu oft nicht richtig abgeschätzt: Beim Überholvorgang eines mit ca. 60 km/h fahrenden LKW und einer eigenen Geschwindigkeit von ca. 100 km/h bedarf es bei Gegenverkehr mit ähnlicher Geschwindigkeit mindestens einen halben Kilometer frei einsehbare Strecke! Und wenn der Überholvorgang nicht „fliegend“ vorgenommen werden kann, muss auch noch zusätzliche Zeit und damit zusätzlich weitere Strecke für die Beschleunigungsphase angesetzt werden.

Viele mit Verkehrssicherheit befasste Institutionen bieten Verkehrssicherheitstrainings für verschiedene Fahrzeugtypen und Programme für unterschiedliche Zielgruppen an.

Dr. Sven Timm, Leiter Stabsbereich Prävention der DGUV

DGUV beteiligt sich bei der Entwicklung von Qualitätsstandards für DVR-Sicherheitstrainings

Der DVR entwickelt derartige Sicherheitstrainings und Sicherheitsprogramme seit mehr als 40 Jahren gemeinsam mit seinen Mitgliedern. Dabei wurden in enger Abstimmung mit den Trägern der gesetzlichen Unfallversicherung – Berufsgenossenschaften und Unfallkassen der öffentlichen Hand – Qualitätsstandards entwickelt, die durch Begutachtungen eine hohe und kontinuierliche Qualität sicherstellen.

Unfallversicherungsträger fördern Sicherheitstrainings finanziell

Entsprechende Sicherheitstrainings für verschiedene Zielgruppen und Fahrzeugarten werden von den Trägern der gesetzlichen Unfallversicherung finanziell gefördert. Jedem aktiven Verkehrsteilnehmenden wird dringend empfohlen, an einem der vielfältigen Sicherheitstrainings und Programme teilzunehmen. Eine Übersicht gibt es auf der Internetseite https://www.dvr.de/praevention/trainings.

Gelassenheit hilft sicher anzukommen

Natürlich ist auch kritisch zu hinterfragen, ob die mögliche Zeitersparnis – nach verschiedenen Untersuchungen sind es in der Regel maximal 10 Prozent – das nicht unerhebliche Risiko des schnell – oder sogar zu schnell – Fahrens und des dabei oft risikoreichen Überholens insbesondere auf Landstraßen überhaupt lohnt? Bei einem halbstündigen Fahrweg sprechen wir hier beispielsweise über lediglich drei Minuten potenzielle „Zeitersparnis“!

Gute Wegplanung reduziert den Stress

Fahrzeugführende müssen dabei nicht nur blitzschnell recht komplexe Abschätzungen wie beim Überholen vornehmen, was nicht selten den Erfahrungsstand übersteigt. Sie werden auch unnötig mental belastet. Der selbst erzeugte Druck führt zu Stress und dieser kann wiederum zu Unaufmerksamkeiten und Fahrfehlern führen. Eine gelassenere Grundeinstellung, ein rechtzeitiges Starten, eine mit ausreichend Zeitreserven kalkulierte Wegplanung kann hier für Entspannung und eine gelassenere Fahrweise sorgen. Die höhere Verkehrssicherheit wird es danken.

Erfahrung und Wissen gepaart mit eine vorausschauenden Weg- und Zeitplanung bei gelassener Fahrweise in einem Fahrzeug in technisch sicherem Zustand sind die besten Voraussetzungen, immer heil am Ziel anzukommen!


Statistisches Bundesamt: Unfallstatistiken

Dr. Sven Timm

Dr. Sven Timm

Dr. Sven Timm ist Leiter des Stabsbereiches Prävention bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV). Nach einem knappen Jahrzehnt weltweiter Tätigkeit in der Umweltindustrie seit Ende der 1980er wechselte der promovierte Geologe 1998 zur gesetzlichen Unfallversicherung. In seiner langjährigen Tätigkeit für die DGUV hatte er verschiedene Funktionen übernommen, unter anderem ist er bei der DGUV Themenkoordinator für Verkehrssicherheit. Der Verkehrssicherheitsarbeit ist er seit mehr als 20 Jahren verbunden.

Foto: Privat

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