Überholunfälle auf Landstraßen

Julia Fohmann, DVR-Referatsleiterin Presse

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Überholmanöver auf Landstraßen können schnell sehr riskant werden. Foto: Ubi17, Fotolia

Sie ereignen sich relativ selten. Doch die Folgen sind umso gravierender: Rund neun Prozent aller Getöteten auf Landstraßen kommen bei Überholunfällen ums Leben. Warum ist das so und welche Maßnahmen können helfen?

Bei 72.538 Unfällen auf Landstraßen im Jahr 2019 kamen Menschen zu Schaden, wurden getötet, schwer oder leicht verletzt. 5.172 Mal aufgrund von Überholunfällen, sagt die Unfallstatistik des Statistischen Bundesamts (Destatis). Das sind gerade mal rund sieben Prozent aller Unfälle auf Landstraßen. Allerdings sind die Folgen häufig besonders dramatisch. Neun Prozent der Getöteten auf Landstraßen sind nach Angaben von Destatis Opfer von Überholunfällen. Damit sind Überholunfälle mit die folgenschwersten Unfälle auf Landstraßen.

Geringe Sichtweite

Im Rahmen einer Untersuchung fanden die Fachleute der Unfallforschung der Versicherer (UDV) heraus, dass rund 70 Prozent der Überholunfälle in Kurven passierten. Auch die Sichtweite spielte eine wesentliche Rolle. Ebenfalls 70 Prozent der untersuchten Überholunfälle ereigneten sich auf Strecken mit einer Sichtweite von 600 Metern oder weniger.

Stephan Ruhl, der zu Überholunfällen am Fachgebiet Straßenplanung und -betrieb der TU Berlin promoviert, bestätigt die Ergebnisse. Anders als die UDV-Studie untersuchte er nicht nur Strecken mit besonders vielen Überholunfällen, sondern ein ganzes Streckennetz.

Dabei stellte er fest, dass die Lage der Straße – Kurve, Kuppe, Ebene etc. – zwar auch einen Einfluss auf Überholunfälle hat. Entscheidende Einflussgrößen seien aber die Sichtweiten und die Verkehrsstärken. Die Wechselwirkung zwischen den beiden Faktoren spiele eine entscheidende Rolle.

Es ist zu beobachten, dass bei geringen Sichtweiten in der Regel seltener überholt wird, bei guten Sichtweiten dagegen häufiger. Dennoch kommt es auch bei weniger riskanten, guten Sichtweiten immer wieder zu Überholunfällen.

Stephan Ruhl, TU Berlin

Verkehrsstärke als überlagernder Faktor

Das habe mit der Verkehrsstärke zu tun, lautet Ruhls These. „Ist das Verkehrsaufkommen hoch, kann die Sichtweite noch so gut sein – es wird zu Überholunfällen kommen. Die Verkehrsstärke ist der überlagernde Faktor“, so der Wissenschaftler.

Präventive Maßnahmen

Was ist zu tun, um das Risiko von Überholunfällen zu reduzieren? Das Forschungsprojekt AOSI – Außerortsstraßensicherheit der TU Dresden untersuchte 2013 im Auftrag der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) und des Bundesverkehrsministeriums die Wirkung von ortsfesten Geschwindigkeitsüberwachungsanlagen („Blitzern“) und abschnittsweise angelegten Überholfahrstreifen in Kombination mit Überholverboten in den verbleibenden zweistreifigen Zwischenabschnitten. Dadurch wurde auf den Untersuchungsstrecken entweder die zulässige Höchstgeschwindigkeit durchgesetzt oder das Überholen gesichert. Der Vorher-Nachher-Vergleich bestätigte die Wirksamkeit der Maßnahmen.

Überholverbote empfehlen auch die Unfallforscher der UDV. In Bereichen mit geringen oder unzureichenden Sichtweiten sollten Überholverbote angeordnet werden. Dadurch könnten Verhaltensfehler unterbunden werden. Wichtig seien dabei auch Geschwindigkeitsbeschränkungen. So könnte das Unfallrisiko stärker reduziert werden.

Infrastrukturelle Maßnahmen entscheidend

Förderlich für die Verkehrssicherheit, aber auch die Akzeptanz von Überholverboten und Geschwindigkeitsbegrenzungen hält Ruhl Überholfahrstreifen: „Sie schaffen einen Ausgleich und können den Überholdruck auf eine sichere Weise abbauen.“ Überholverbote bei geringen Sichtweisen seien das A und O, stimmt er den Unfallforschern zu.

Es ist mir ein Rätsel, warum noch nicht auf allen Strecken mit unzureichenden Sichtweiten Überholverbote angeordnet wurden. Wie viele Überholunfälle müssen noch passieren?

Stephan Ruhl, TU Berlin

Sicher Überholen – darauf kommt es an!
Sofern keine Überholverbote bestehen, die Verkehrslage übersichtlich ist und man prinzipiell überholen darf, spielen Abstände und die Sichtweite eine entscheidende Rolle. Wer mit einem Pkw mit Tempo 100 km/h einen Lkw mit 60 km/h sicher überholen möchte, benötigt dafür eine Strecke von 350 Metern. Um nicht mit dem Gegenverkehr zu kollidieren, ist jedoch eine Sichtweite von 600 Metern notwendig. Mehr dazu gibt es hier auf dem Blog.


Unfallstatistik des Statistischen Bundesamts (Destatis)
Fachgebiet Straßenplanung und -betrieb der TU Berlin
Forschungsprojekt AOSI – Außerortsstraßensicherheit

Julia Fohmann, DVR

Julia Fohmann

Julia Fohmann ist seit 2018 Pressesprecherin des Deutschen Verkehrssicherheitsrats und leitet das Referat Presse. Kommissarisch hat sie zudem seit Anfang 2021 die Leitung des Referats Öffentlichkeitsarbeit inne. Julia Fohmann ist ausgebildete Redakteurin und arbeitete vor ihrer Tätigkeit beim DVR für eine Landtagsabgeordneten, eine Agentur und freiberuflich für verschiedene Verlage.

Foto: Martin Lukas Kim, DVR

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