2+1-Straßen zur Verbesserung der Verkehrssicherheit auf Landstraßen

Dr. Anna Vadeby, Wissenschaftlerin im Bereich Verkehrssicherheit am schwedischen nationalen Institut für Straßen- und Verkehrsforschung (VTI)

Landstraße Beispiel 2+1-Straße Mittelschutzplanke
Eine Maßnahme in Schweden gegen tödliche Unfälle auf Landstraßen: die 2+1-Straße mit Mittelschutzplanke. Foto: Hejdlösa bilder/AB

Bis 2020 wurden in Schweden rund 3.200 Kilometer Landstraßen zu 2+1-Straßen mit Mittelschutzplanken umgebaut. Die Ergebnisse untermauern die Wirksamkeit der Maßnahme auf Landstraßen: die Zahl der Getöteten ist dort um fast 80% gesunken. Ein Erfahrungsbericht aus Schweden über die Hintergründe, Vorteile und Kosten der 2+1-Straßen.

Hintergrund

Tödliche Unfälle auf Landstraßen stellen in vielen Ländern ein ernstes Problem dar. Der Europäischen Kommission zufolge ereignen sich mindestens 55% aller tödlichen Verkehrsunfälle auf Straßen im ländlichen Raum, die keine Autobahnen sind. Aufgrund der Gefahr durch hohe Geschwindigkeiten, Multifunktionalität, mangelhafte Infrastruktur und weil dort ganz verschiedene Verkehrsteilnehmende aufeinandertreffen, sind Landstraßen verglichen mit Autobahnen oft gefährlicher und das mit ihrer Nutzung verbundene Risiko ist relativ hoch.

In Schweden wurde in den 1990ern ein besonderes Verkehrssicherheitsproblem entdeckt: Eine Vielzahl schwerer und tödlicher Unfälle ereigneten sich auf 13 m breiten Landstraßen mit einem Fahrstreifen je Richtung. Den Kern des Problems bildeten Abkommensunfälle und Frontalzusammenstöße, auf die über 70% aller Verkehrstoten auf diesen Landstraßen entfielen. Als Gegenmaßnahme wurde damit begonnen, Landstraßen mit einer Breite von 13 m in 2+1-Straßen mit einer Mittelschutzplanke umzubauen. Kurz nachdem 1998 die ersten 2+1-Straßen gebaut worden waren, wurde ein umfangreiches und großangelegtes Programm vorgestellt, um die Verkehrssicherheit auf Landstraßen dieser Breite zu verbessern. Seit 2009 kommt die 2+1-Lösung auch auf 9-10 m breiten Landstraßen zum Einsatz. Bis 2020 wurden rund 3.200 km Landstraßen in Schweden zu 2+1-Straßen mit Mittelschutzplanken umgebaut.

Was ist eine 2+1-Straße?

Eine 2+1-Straße ist eine Straße mit zwei Fahrstreifen in die eine Richtung und einer einstreifigen Fahrbahn in die andere Richtung, wobei sich die ein- und zweistreifigen Abschnitte abwechseln, um das Überholen an ganz bestimmten Straßenabschnitten zu ermöglichen. Die beiden Fahrtrichtungen sind dabei durch eine Mittelschutzplanke getrennt.

Der größte Vorteil von 2+1-Straßen besteht im Sicherheitsgewinn durch die Trennung der gegenläufigen Fahrtrichtungen, wodurch Spurverlassensunfälle einschließlich Frontalzusammenstößen verhindert werden. Seit 2008 gilt auf den meisten 2+1-Straßen in Schweden zudem ein Tempolimit von 100 km/h.

Eine alternative 2+1-Lösung, die beispielsweise in Finnland, Dänemark und Deutschland zum Einsatz kommt, besteht darin, die zwei Fahrtrichtungen nur durch Fahrbahnmarkierungen zu trennen.

Die wichtigsten Vorteile von 2+1-Straßen

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Der Hauptzweck von Schutzplanken besteht nicht darin, Zusammenstöße zu verhindern, sondern darin, die Verletzungsschwere zu mindern, falls es zu einem Unfall kommt. Zu den vorrangigen Sicherheitsvorteilen von 2+1-Straßen mit Schutzplanken zählen sowohl die Senkung der Zahl tödlicher Unfälle als auch die Reduzierung der Unfallschwere im Vergleich zu Unfällen auf Landstraßen mit nur einem Fahrstreifen je Richtung.

Die Sicherheitsvorteile von schwedischen 2+1-Straßen wurden auf Basis der tatsächlichen Unfallzahlen und Verletzungen evaluiert. Die Evaluationsergebnisse zeigen einen substanziellen Rückgang schwerer Unfälle:

  • Die Zahl der Getöteten wurde um fast 80% gesenkt.
  • Die Gesamtzahl der Getöteten und Schwerverletzten ging um über 50% zurück.

Im Wesentlichen blieb die Zahl der Leichtverletzten gleich und obwohl es häufig zu Kollisionen mit der Mittelschutzplanke kam, hatten diese – wie erwartet – selten schwere Folgen. Forschungsergebnisse zeigen, dass 2+1-Straßen mit Mittelschutzplanken auf Abschnitten ohne Kreuzungen fast genauso sicher sind wie Autobahnen mit einem Tempolimit von 110 km/h. Der Sicherheit von Motoradfahrenden und der Frage, ob Schutzplanken die Sicherheit für diese Gruppe verbessern oder nicht, wurde besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Zum Glück zeigen die Evaluationsergebnisse, dass das Risiko für tödliche oder schwere Verletzungen auch für Motorradfahrende um etwa 40-50% gesenkt wurde.

Leistungsfähigkeit, Mobilität und Kosten

Natürlich müssen mit Blick auf 2+1-Straßen neben der Verkehrssicherheit auch noch andere Aspekte berücksichtigt werden. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Leistungsfähigkeit der Straße. Diese wird für 2+1-Straßen um etwa 15% geringer eingeschätzt als bei einer gewöhnlichen 13 m breiten zweispurigen Straße (1600-1700 Fahrzeuge pro Stunde in eine Richtung während eines 15-minütigen Intervalls). Der kritische Bereich ist dabei der Übergang von zwei Fahrstreifen zu einem.

Ein weiterer Aspekt betrifft die ungeschützten Verkehrsteilnehmenden und die Frage, ob sie 2+1-Straßen so nutzen können, wie es ihren Bedürfnissen entspricht. Aufgrund des begrenzten Raums für Fuß- und Radverkehr ist es schwierig, sie auf der Straße selbst unterzubringen. Deshalb könnten getrennte Anlagen wie parallel zur Straße verlaufende Radwege erforderlich sein. Eine Mittelschutzplanke, die ungeschützte Verkehrsteilnehmende und Wildtiere daran hindert, die Straße zu überqueren, könnte als Barriere wirken.

Insgesamt überwiegen die positiven Auswirkungen der 2+1-Straßen aber die Nachteile. Eine Kosten-Nutzen-Analyse, die in Schweden durchgeführt wurde, zeigt gute sozioökonomische Effekte von 2+1-Straßen mit Mittelschutzplanke. Die 2+1-Lösung entspricht der Strategie der Vision Zero, da sie schwere Unfallfolgen vermeidet, unabhängig von der Unfallursache (Geschwindigkeitsüberschreitung, Fahren unter dem Einfluss berauschender Substanzen, Müdigkeit etc.).

Dies spiegelt sich auch im nationalen Plan für Schweden wider, dessen Ziel es ist, alle Nationalstraßen mit einem Verkehrsaufkommen von über 2000 Fahrzeugen pro Tag entweder mit einer Mittelschutzplanke auszustatten (um so Straßen mit nur einem Fahrstreifen je Richtung zu 2+1-Straßen oder Autobahnen zu machen) oder dort Tempolimits von 80 km/h oder weniger anzuordnen.


Carlsson, A. (2009a) Evaluation of 2+1 roads with cable barrier. Final report. VTI rapport 636A.
European Commission (2017), Rural roads outside urban areas
Vadeby, A. (2016) Traffic safety effects of narrow 2+1 roads with median barrier in Sweden. In: Proceedings of the 17th International Conference on Road Safety on Five Continents, Rio de Janeiro, Brazil, 17 – 19 May, 2016.
Schwedisches Nationales Institut für Straßen- und Verkehrsforschung (VTI)

Portraitfoto Frau Dr. Anna Vadeby

Dr. Anna Vadeby

Dr. Anna Vadeby arbeitet als leitende Wissenschaftlerin im Bereich Verkehrssicherheit am schwedischen nationalen Institut für Straßen- und Verkehrsforschung (VTI) und als Dozentin an der Technischen Hochschule Chalmers in Schweden. Sie promovierte in mathematischer Statistik und ihr Hauptarbeitsbereich sind Auswertungen mit Verkehrssicherheitsbezug. Sie war bereits verantwortlich für einige nationale Evaluationen von Sicherheitsmaßnahmen wie neuen Geschwindigkeitsbegrenzungen und Rüttelstreifen. Besondere Expertise hat sie zudem im Bereich der kamerabasierten Verkehrsüberwachung und 2+1-Straßen.

Foto: VTI/Annika Johansson

3 Kommentare

  1. Wer soll das Bezahlen ?

    Als jahrelang aktiver Verkehrs Schützer hat mich besonders das äusserst aggressive Rasen der FZ Führer im RLP Westerwald geprägt.
    Dort wird auf engstem Raum (eher Pfade) ohne Mittel – und Seitenstreifen Gas (100 km/h erlaubt) gegeben wie auf der BAB ohne Rücksicht auf Verluste.

    Da dort die vorwiegend jungen FZ Führer wie die Fliegen im Strassenverkehr sterben hatte ich mehrere Schreiben an die Staatskanzlei Mainz und die Zuständige Kreis Stadt Montabaur inkl. verschiedene Medien verfasst, leider ohne Resonanz.

    Bitte lassen Sie uns gemeinsam etwas gegen das Sterben, nicht nur auf RLP Strassen, unternehmen und vor allem manches Leid den Angehörigen ersparen.

    Mit freundlichen Grüßen und immer sichere Fahrt

    w.wobido

    1. Vielen Dank für Ihren Kommentar. Es ist ein bedrückendes Bild, das Sie aus dem RLP Westerwald beschreiben.
      Der Erfahrungsbericht aus Schweden zeigt, wie dort u.a. durch die 2+1-Straßen mit Mittelleitplanken die Zahl der Getöteten auf Landstraßen verringert werden konnte. Man muss stets im konkreten Fall schauen, ob sich diese Maßnahme eignet.
      Hinsichtlich der Kostenfrage kann man diese im Spiegel der volkswirtschaftlichen Kosten von Straßenverkehrsunfällen in Deutschland sehen. Im Jahr 2019 beliefen sich diese auf fast 34 Milliarden Euro laut Bundesanstalt für Straßenwesen.
      Ihr Anliegen teilen wir: gemeinsam für mehr Verkehrssicherheit!
      Viele Grüße
      Athanasia Theel vom DVR-Team

  2. Dem Eindruck von Herrn Wobido muss ich mich leider vollumfänglich anschließen (die RLP Kreise MYK und AW betrifft es aber genauso!). Als Berater für das Thema Verkehrssicherheit ist man sicherlich aufmerksamer als der „normale“ Verkehrsteilnehmer, aber in Gesprächen mit Familie und Bekannten hört man eigentlich immer die gleichen Aussagen. Wir durften auch gemeinsam feststellen, dass insbesondere zwei Fahrzeugmarken bei diesen rasenden Zeitgenossen ganz besonders hoch im Kurs stehen. Wo andere Marken abregeln, gibt es hier noch ein paar KW mehr. Tragisch, dass insbesondere das Land Niedersachsen als Miteigentümer diesbezüglich keinen Einfluss geltend zu machen scheint. Wie hat der Konzernvorstand mal erklärt: „EBIT macht frei“. Insofern hoffe ich mittlerweile auf eine umfassende Wende in Berlin und werde meine bisherige Wahlpräferenz ändern. Die letzten Aussagen des CDU Kanzlerkandidaten haben leider gezeigt, da will jemand in die Fussstapfen eines Herrn Schröder („Auto-Kanzler“) treten und ich fürchte, die Themen Verkehrssicherheit und Umweltschutz kommen dann wieder unter den Kühler mit 4 Ringen.

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