Erhöhung der Verkehrssicherheit von Landstraßen durch Sicherheitsaudits

Prof. Dr.-Ing. Andreas Bark, Fachgebietsleiter Straßenwesen und Vermessung, Technische Hochschule Mittelhessen (THM)

Straße Sonne Landstraße Büsche
Landstraßenmaßnahmen weisen verschiedene Defizite auf, hier zu geringe Fahrbahnbreite. Foto: Prof. Dr.-Ing. Andreas Bark

Sicherheitsaudits von Straßen tragen maßgeblich zu einer Erhöhung der Verkehrssicherheit bei allen Neu-, Um- und Ausbaumaßnahmen von Landstraßen bei. Die Einführung des Sicherheitsaudits in allen Straßen- und Verkehrsverwaltungen der Länder sowie in den Kreis- und Kommunalverwaltungen und die konsequente Auditierung aller Maßnahmen sind daher unerlässlich.

Hintergrund

Zur Überprüfung von Aspekten der Verkehrssicherheit im Stadium der Projektplanung wurden im Ausland bereits in den neunziger Jahren Verfahren für ein Sicherheitsaudit für Straßen (Road Safety Audit) entwickelt und umgesetzt. In Deutschland führten insbesondere die Straßen- und Verkehrsverwaltungen der Länder die Sicherheitsaudits bei Planungen und Entwürfen von Neu-, Um- und Ausbaumaßnahmen vor allem an Bundesfernstraßen auf der Grundlage der Empfehlungen für das Sicherheitsaudit von Straßen (ESAS, FGSV 2002)[1] seit 2002 verstärkt durch.

Sicherheitsaudit auch als Bestandsaudit durchführen

Mit der offiziellen Einführung der Richtlinien für das Sicherheitsaudit von Straßen (RSAS, FGSV 2019)[2] durch das Allgemeine Rundschreiben Straßenbau (ARS) 4/2019[3] des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) sollen nunmehr zusätzlich zu den Sicherheitsaudits in der Planungsphase auch anlassbezogene Sicherheitsaudits für bestehende Straßen im Sinne von Bestandsaudits durchgeführt werden. Neben dem Vorliegen unfallauffälliger Streckenabschnitte, z. B. Unfallhäufungsstellen oder Unfallhäufungslinien, die u. a. durch die Unfallkommissionen ermittelt wurden, sind Ersatzneubauten oder Erhaltungsmaßnahmen derartige maßgebende Anlässe (reaktiver und präventiver Ansatz).

Regelwerke wurden aufgestuft

Die gestiegene Bedeutung der Verkehrssicherheit in der Planung und im Betrieb der Straßenverkehrsinfrastruktur zeigen die Aufstufung der bisherigen ESAS 2002 zu einem Technischen Regelwerk erster Ordnung (RSAS 2019) sowie die entsprechenden Initiativen der Europäischen Union (EU).

Zertifizierte Auditorinnen und Auditoren

In Deutschland werden seit 2002 Auditorinnen und Auditoren für das Sicherheitsaudit von Straßen ausgebildet. Auf der Liste der zertifizierten Planungs- und Bestandsauditoren der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) werden zur Zeit 389 Auditorinnen und Auditoren aufgeführt[4]. Zusätzlich haben die Straßen- und Verkehrsverwaltungen der Länder weitere Auditorinnen und Auditoren intern ausgebildet, die auf der Liste der BASt nicht angegeben werden. Die genaue Zahl aller in Deutschland aktiv tätigen Auditorinnen und Auditoren lässt sich nicht beziffern.

Die Ausbildung und Zertifizierung erfolgen im Rahmen von Schulungsmaßnahmen auf der Grundlage des Merkblattes für die Ausbildung und Zertifizierung der Sicherheitsauditoren von Straßen (MAZS, FGSV 2009)[5]. Die Überarbeitung des Merkblattes ist abgeschlossen, die Neufassung soll 2021 erscheinen.

Das Auditieren im Team hat sich als empfehlenswert erwiesen, wobei insbesondere die Zusammenarbeit eines Auditors aus dem Bereich der Planung und eines Auditors aus dem Bereich des Betriebs/Verkehrs vorteilhaft erscheint.

Sicherheitsdefizite bei Landstraßen

Auf der Grundlage der bisher durchgeführten Sicherheitsaudits in Deutschland wurden mehrere Auswertungen der Auditberichte hinsichtlich Art und Umfang der Sicherheitsdefizite in den einzelnen Planungsmaßnahmen durch verschiedene Organisationen vorgenommen.

Sehr umfang­reiche Auswertungen von Auditberichten erfolgten im Rahmen der Forschungsvorhaben FE 82.0336/2007 „Sicherheitsrelevante Aspekte der Straßenplanung, Beispielsammlung für Planer und Auditoren“[6] sowie FE-Nr. 82.535/2011 „Evaluation der Anwendung und der Ergebnisse der Sicherheitsaudits von Straßen in Deutschland“[7] durch die beiden Forschungsinstitutionen Technische Hochschule Mittelhessen, vormals Fachhochschule Gießen-Friedberg, Fachgebiet Straßenwesen und Vermessung, und die BSV Büro für Stadt- und Verkehrsplanung Dr.-Ing. Reinhold Baier GmbH.

Die Analysen ergaben, dass keiner der auditierten Entwürfe den Anforderungen einer möglichst verkehrssicheren Gestaltung in vollem Umfang genügt hat. Es zeigte sich, dass auch kleine Maßnahmen zum Teil erhebliche Sicherheitsdefizite aufwiesen. Eine entwurfsbegleitende Auditierung in allen Planungsphasen sowie bei der Verkehrsfreigabe sollte für alle Straßen erfolgen.

Hauptdefizite an Landstraßen

Die Anzahl der Defizite in den für Landstraßen ausgewerteten Auditberichten variiert stark, was durchaus dem unterschiedlichen Umfang, d. h. der Größe der Maßnahme geschuldet ist. Der Mittelwert für Landstraßen lag bei 17 Defiziten pro Maßnahme bei einem Schwankungsbereich von einem bis 72 Defiziten.

Folgenden Hauptdefizite konnten bei den Landstraßenmaßnahmen ermittelt werden:

  • Zu geringe Querneigungen in Kurven
  • Defizite in der Trassierung (zu geringe Radien, nicht Einhaltung der Radienrelation)
  • Keine ausreichenden Haltesichtweiten (zu kleine Kuppenhalbmesser, Sichtbehinderungen durch Bepflanzung)
  • Keine ausreichende Entwässerung der Verkehrsanlagen (entwässerungsschwache Zonen)
  • Fehlende oder unzureichende Fahrzeug-Rückhaltesysteme vor schutzbedürftigen Bereichen oder Hindernissen
  • Nicht ausreichende Straßenquerschnitte, zu geringe Fahrbahnbreiten
  • Unzureichende Bankettausbildungen
  • Keine Berücksichtigung der Belange des Rad- und Fußverkehrs
  • Zu geringe Breiten der Geh-/Radwege
  • Unzureichende Knotenpunktarten und Knotenpunktgestaltungen

Fazit zu den Sicherheitsaudits

Grundsätzlich bleibt festzustellen, dass Sicherheitsaudits von Straßen im Rahmen der Verkehrssicherheitsarbeit in jedem Fall wichtig und unverzichtbar sind. Sicherheitsdefizite, die möglicherweise auch zu Unfallhäufungen führen, können bereits im Planungsprozess erkannt und behoben werden.

Um die Straßenverkehrssicherheit in Deutschland nachhaltig zu gewährleisten und weiter zu erhöhen, ist es wichtig, neben der Ausbildung von Auditorinnen und Auditoren für das Sicherheitsaudit auch die Aus- und Weiter­bildung der Planerinnen und Planer im Hinblick auf die Verkehrssicherheit erheblich zu verbessern, um die Qualität der Planungen insgesamt zu erhöhen.


Weiterführende Hinweise

[1] Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV) Emp­fehlun­gen für das Sicherheitsaudit von Straßen (ESAS), Köln, 2002

[2] Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV) Richtlinien für das Sicherheitsaudit von Straßen (RSAS), Köln, 2019

[3] Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI, Hrsg.) Allgemeines Rundschreiben Straßenbau Nr. 4/2019, Richtlinien für das Sicherheitsaudit von Straßen, Bonn, 26.02.2019

[4] Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) Liste der zertifizierten Planungs- und Bestandsauditoren

[5] Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV) Merkblatt für die Ausbildung und Zertifizierung der Sicherheitsauditoren von Straßen (MAZS), Köln, 2009.

[6] Bark, A.; Kutschera, R.; Baier, R.; Klemps-Kohnen, A. (2010) FE-Nr. 82.0336/2007, Sicherheitsrelevante Aspekte der Straßenplanung, Beispielsammlung für Planer und Auditoren Berichte der Bundesanstalt für Straßenwesen (Hrsg.), Serie Verkehrstechnik Heft V 196, Wirtschaftsverlag NW

[7] Baier, R.; Baier, M.; Klemps-Kohnen, A.; Bark, A.; Charles-de-Beaulieu, C.; Theis, C. (2018) FE 82.535/2011, Evaluation der Anwendung und der Ergebnisse der Sicherheitsaudits von Straßen in Deutschland Berichte der Bundesanstalt für Straßenwesen (Hrsg.), Serie Verkehrstechnik Heft V 307, Fachverlag NW

Portraitfoto Mann Prof. Dr.-Ing. Andreas Bark

Prof. Dr.-Ing. Andreas Bark

Dr.-Ing. Andreas Bark ist Professor an der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) und leitet dort das Fachgebiet Straßenwesen und Vermessung. Er ist Mitglied im Kompetenzzentrum für Automotive, Mobilität und Materialforschung (AutoM) an der THM. Zudem besetzt er als aktives Mitglied verschiedene Gremien u.a. den Arbeitsausschuss „Sicherheitsaudit von Straßen“ sowie den Ausschuss „Landstraßen“ in der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen e.V. (FGSV).

Foto: Barbara Bark

1 Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.