Vernetzung bei Land- und Forstmaschinen

Barend Wolf, DVR-Referatsleiter für Fahrzeugtechnik

Landstraße grüner Traktor Landmaschine Feld
Ein Zusammenstoß mit einem Traktor hat oftmals schwere bis tödliche Folgen. Foto: Dominique Mariotti, Nr. 371677258, Adobe Stock

Neue Kommunikationstechnologien wie Vehicle-to-X können in Zukunft einen wichtigen Beitrag zur Sicherheit im Straßenverkehr leisten. Dabei kann die Technologie helfen, die oft schweren Unfälle mit landwirtschaftlichen Zugmaschinen auf Landstraßen zu vermeiden.

Man kennt die Situation vielleicht: Man fährt mit seinem Pkw auf einer Landstraße durch waldiges oder ländliches Gebiet und plötzlich erscheint vor einem ein regelrechter Koloss, der behäbig vor einem vorausfährt. Forst- und landwirtschaftliche (Zug-)Maschinen sind besonders in landwirtschaftlich geprägten Regionen ein gewohntes Bild auf Landstraßen. Die mitunter recht großen und langen Fahrzeuge sind eher gemächlich mit 25 bis 60 km/h unterwegs – sehr zum Leidwesen mancher Pkw-Fahrenden, die sich dadurch zu teilweise waghalsigen Überholmanövern genötigt sehen.

Traktorunfälle nicht unterschätzen

Unfälle mit landwirtschaftlichen Zugmaschinen ereignen sich auf deutschen Straßen nur vergleichsweise selten. Kommt es aber zu einem Unfall, endet dieser oft schwer. Besonders häufig sind Pkw und Motorräder in Unfälle mit Traktoren involviert. Die massiven Traktoren weisen ein hohes Eigengewicht und nur geringe Knautschzonen auf. Gerade für Motorradfahrende können Zusammenstöße mit Traktoren daher schnell schwere bis tödliche Folgen haben. 

Ursachen für Unfälle sind häufig die großen Geschwindigkeitsunterschiede zwischen den Fahrzeugen, die leicht zu riskanten Überholmanövern verleiten, aber auch Vorfahrtsmissachtung sowie Fehler beim Abbiegen.

Unfälle vermeiden

Unfälle mit Traktoren können am besten durch eine vorausschauende Fahrweise mit angepasster Geschwindigkeit und ausreichendem Sicherheitsabstand vermieden werden.

Darüber hinaus können zukünftig aber auch neue Technologie wie Fahrerassistenzsysteme oder die Vernetzung von Fahrzeugen untereinander sowie mit der Verkehrsinfrastruktur helfen, Unfälle vorzubeugen.

Was bedeutet Vernetzung im Straßenverkehr?

Die Vernetzung von Verkehrsteilnehmenden kann man sich ähnlich vorstellen, wie die Vernetzung mit anderen Menschen über Mobilfunk oder Wifi, die wir bereits alltäglich mit unseren Endgeräten praktizieren. Für die Vernetzung des Straßenverkehrs kommen ganz ähnliche Kommunikationstechnologien zum Einsatz, die mit den von Smartphone und Computer bekannten 5G- und WLAN-Standards verwandt sind.

Über die Kommunikationstechnologien kann ein Fahrzeug nun mit anderen Fahrzeugen, der Infrastruktur (z.B. Ampeln) und mit anderen Verkehrsteilnehmenden (z.B. zu Fuß Gehende über deren Smartphone) kommunizieren. Auf diese Weise können Fahrzeuge und die Infrastruktur sicherheitsrelevante Informationen miteinander austauschen und beispielsweise ein noch weit entferntes Fahrzeug frühzeitig vor Stau, Baustellen, rutschigen Straßen, Gefahrenstellen und ähnlichem warnen und so die ansonsten begrenzte Wahrnehmung des Fahrzeugs deutlich erweitern.

Mittels dieser als Vehicle-to-X (V2X) bezeichneten Kommunikation können Fahrzeuge und andere Verkehrsteilnehmende außerdem direkt miteinander kommunizieren. Ein Fahrzeug kann so z.B. frühzeitig davor gewarnt werden, dass sich hinter Bergkuppe, einer nicht einsehbaren Kurve, einem parkenden Lkw oder ähnlichem ein anderes Fahrzeug, Radfahrende oder zu Fuß Gehende nähern. So kann frühzeitig vor einer drohenden Kollision gewarnt und rechtzeitig Gegenmaßnahmen eingeleitet werden. Die enormen Potentiale der V2X-Kommunikation für die Erhöhung der Verkehrssicherheit liegen auf der Hand.

Vernetzung bei Landmaschinen

Vernetzung kann auch dabei helfen, die oft schweren Unfälle mit landwirtschaftlichen Zugmaschinen zu vermeiden. Sind sowohl Fahrzeuge und Motorräder als auch die landwirtschaftlichen Maschinen selbst mit V2X-Modulen ausgerüstet, können Fahrende rechtzeitig auf vorausfahrende oder gerade auf die Landstraße einbiegende Maschinen hingewiesen werden und in diesem Bereich entsprechend vorsichtiger fahren. Sind ausreichend viele Fahrzeuge mit V2X ausgestattet, kann dies außerdem dabei helfen den Fahrenden anzuzeigen, ob das Überholen von forst- und landwirtschaftlichen Maschinen gefahrlos möglich ist.

Weitere Anwendungen

V2X zur Erhöhung der Verkehrssicherheit ist dabei nur ein sehr kleiner Anwendungsfall für Landmaschinen, die primär für den Einsatz auf dem Feld konzipiert sind. In Zukunft ist es beispielsweise etwa auch denkbar, Landmaschinen über eine Vernetzung in Kolonnen nebeneinander fahren zu lassen. Durch dieses „kooperative Fahren“ können auf dem Feld mehrere Geräte durch einen Fahrenden bedient werden. Darüber hinaus können Landmaschinen mittels Vernetzung Prozessdaten austauschen oder durch Kamerastreaming der Beladungszustand überwacht werden.

Da auf Feldern meist nur wenig Infrastruktur vorhanden ist und bei den Landwirtinnen und Landwirten häufig Geräte unterschiedlicher Herstellerinnen und Hersteller zum Einsatz kommen, müssen für diese zukünftigen Anwendungsfälle robuste, technologieoffene und einheitliche Kommunikationsstandards zum Einsatz kommen.

Dadurch wäre es einem Traktor aber auch möglich, ein herannahendes Fahrzeug selbst in Regionen mit schlechter Mobilfunkabdeckung zu warnen.

Warnung vor Verschmutzung

Neben der Unfallgefahr infolge einer direkten Kollision mit landwirtschaftlichen Maschinen können besonders für Motorradfahrende Verschmutzungen, welche Landmaschinen auf der Straße hinterlassen, gefährlich sein.

Bereiche mit Verschmutzungen stellen somit eine wichtige Information für Motorradfahrende dar. In der Regel sind Verschmutzungen aber nur schwer detektierbar. Eine Lösung könnte auch hier in Zukunft V2X darstellen. Über die Vernetzung könnten Motorradfahrende über Straßenabschnitte informiert werden, auf denen forst- und landwirtschaftliche Maschinen unterwegs sind und ihre Fahrweise und Geschwindigkeit entsprechend anpassen.

Diese V2X-Anwendungsfälle sind heutzutage noch meist Forschungsszenarien, könnten die Verkehrssicherheit in Zukunft aber deutlich erhöhen.


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Portraitfoto Mann Barend Wolf

Barend Wolf

Barend Wolf arbeitet seit Juli 2021 beim Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR). Als Referatsleiter befasst er sich dort mit den auf dem Gebiet der Fahrzeugtechnik anfallenden Themen. In dem Zusammenhang setzt er sich dafür ein, Fahrzeuge durch die Nutzung modernster aktiver und passiver Sicherheitssysteme für alle Verkehrsteilnehmer sukzessive immer sicherer zu machen. Daneben bietet für ihn auch die Vernetzung aller Verkehrsteilnehmenden ein großes Potential zur Erhöhung der Verkehrssicherheit.

Foto: Dirk Beichert

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