Wie Fahrzeug-Rückhaltesysteme für mehr Verkehrssicherheit auf Landstraßen sorgen

Andrea Kulpe-Winkler, DVR-Referatsleiterin für Straßenverkehrstechnik

Landstraße passive Schutzeinrichtungen Stahl Beton
Passive Schutzeinrichtungen erhöhen die Sicherheit für Mensch und Natur. Foto: Oxfort Ingenieure GmbH & Co. KG, Weimar

Immer mehr Landstraßen sind mit passiven Schutzeinrichtungen ausgestattet. Dabei grenzen Stahl- oder Betonsysteme Straßen vom Seitenraum ab. Durch den Einsatz der Fahrzeug-Rückhaltesysteme wird die Sicherheit von Verkehrsteilnehmenden und Natur erhöht.

Passive Schutzeinrichtungen, im Fachjargon Fahrzeug-Rückhaltesysteme (FRS) genannt, erhöhen die Sicherheit für Mensch und Natur. Der Mensch wird vor unkontrolliertem Abkommen von der Fahrbahn geschützt – Thema „Fehler verzeihende Straße“. Die Natur, also Bäume, aber auch Tiere und Gewässer, werden vor Fahrzeugen geschützt, die ggf. mit hohen Geschwindigkeiten von der Straße abkommen, Bäume stark verletzen oder durch auslaufenden Treibstoff bzw. Öl Gewässer verunreinigen. Abhängig von der Bauart absorbieren FRS unterschiedlich viel kinetische Energie, so dass die Unfallschwere in der Regel vermindert wird.  

Ausflug in die Unfallstatistik

In der jährlichen Unfallstatistik nehmen die Landstraßen bei der Zahl der getöteten Verkehrsteilnehmenden regelmäßig einen traurigen Spitzenplatz ein. Im Jahr 2020 starben auf Deutschlands Landstraßen außerhalb von Ortschaften 1.592 Menschen. Jeder einzelne tödliche Unfall ist einer zu viel – Vision Zero.

Zu den größten Risiken auf Landstraßen gehören:

  • das unkontrollierte Abkommen von der Fahrbahn (2020 ca. 23.000 Unfälle)
  • der Zusammenstoß mit Hindernissen im unmittelbaren Seitenraum der Straße
  • der Absturz von Brücken und Böschungen
  • der Zusammenstoß mit Fahrzeugen auf der Fahrbahn

Die Risiken, die mit dem Abkommen von der Fahrbahn, mit Anprall an Hindernisse im Seitenraum oder mit dem Absturz von der Straße im Zusammenhang stehen, lassen sich durch den Einsatz von Fahrzeug-Rückhaltesystemen verringern oder ganz vermeiden.

Was ist der Seitenraum?

Der Seitenraum ist der Bereich rechts und links neben der Fahrbahn von der Bitumenkante (oder auch Fahrbahnrandmarkierung – der weiße Strich, der die Fahrbahn begrenzt) bis zu einer Entfernung zwischen 7,50 und 10,00 Meter. Je höher die zulässige Höchstgeschwindigkeit und je abschüssiger das an die Fahrbahn anschließende Gelände ist, desto weiter wird der Seitenraum der Straße gefasst.  

Bei der Planung von Straßen und der Gestaltung des Straßenraumes ist man bestrebt, den Seitenraum von Hindernissen frei zu halten. Das gelingt nicht immer. Vor allem im Bestand des Straßennetzes begegnen uns historisch gewachsene Strukturen mit Baumalleen, Grenzsteinen, Felsböschungen, Masten für Energie und Kommunikationsleitungen etc. Naheliegend wäre, alle Hindernisse, die eine Gefahr für den Fahrverkehr auf der Straße darstellen, zu beseitigen. Doch mal ganz ehrlich: Kann das funktionieren? Hier prallen unterschiedliche Interessen aufeinander, z.B. Verkehrssicherheit versus Natur und Umwelt. Da sind Kompromisse gefragt. Ein solcher ist der passiven Schutz durch Fahrzeug-Rückhaltesysteme. 

Baumallee mit altem Baumbestand
Baumallee mit altem Baumbestand. Foto: Andrea Kulpe-Winkler

Was sind Fahrzeug-Rückhaltesysteme und wie wirken sie?

Fahrzeug-Rückhaltesysteme kann man so beschreiben: Es sind Einrichtungen, die dem passiven Schutz vor unkontrolliertem Abkommen von der Fahrbahn, dem Zusammenstoß mit Hindernissen entlang der Fahrbahn und dem Absturz von Brücken und Böschungen dienen, indem sie von der Fahrbahn abkommende Fahrzeuge aufhalten und sicher umlenken. Sie werden auf dem Bankett der Straße und damit dem unmittelbar an der Schwarzdecke angrenzenden, unbefestigten Bereich im Abstand von mindestens 0,50 Meter angeordnet. Auch wenn es einem manchmal so vorkommt: Die Straße wird durch die Schutzeinrichtung nicht eingeengt.

Verschiedene Systeme und Bauformen im Überblick

In Abhängigkeit von der Gefahrenstelle und den örtlichen Randbedingungen werden unterschiedliche Systeme eingesetzt.

Betonschutzwand vor einer Felsböschung
Betonschutzwand vor einer Felsböschung. Foto: Oxfort Ingenieure GmbH & Co. KG, Weimar

Hier werden gleich mehrere Gefahren gebannt:

  • Eine steile Böschung kann bei Auffahren mit hohen Geschwindigkeiten zum Überschlag des Fahrzeugs führen.
  • Bäume sind Hindernisse im Seitenraum, die bei Anprall schwere Unfallfolgen nach sich ziehen.
  • Betonschutzwände können an Felsböschungen zusätzlich vor herunterfallenden Steinen und Geröll auf der Fahrbahn schützen.
Stahlsystem Eco Safe 2.0 auf Landstraße
Stahlsystem Eco Safe 2.0. Foto: Oxfort Ingenieure GmbH & Co. KG, Weimar
  • Nebenliegende Bahnstrecken, Gewässer, Straßen oder Wege bergen die Gefahr, bei einem Abkommen von der Fahrbahn weitere schwere Unfallfolgen zu provozieren.
  • An der rechten Straßenseite sind Hindernisse (Bäume) auf einer ansteigenden Böschung vorhanden.

Sonderkonstruktionen vor Bäumen mit starkem Stammumfang, die sehr dicht an der Fahrbahn stehen, nehmen auf Grund ihrer Bauart viel Energie auf, wodurch die Schwere eines Unfalls verringert wird.

Zwei Seiten einer Medaille: Schutz vor Abkommen von der Fahrbahn – neue Gefahr für Motorradfahrende

Stahlschutzsystem in enger Kurve mit Unterfahrschutz für Motorradfahrende
Stahlschutzsystem mit Unterfahrschutz. Foto: Oxfort Ingenieure GmbH & Co. KG, Weimar

In engen Kurven ist die Wahrscheinlichkeit bei Fahrfehlern oder zu hohen Geschwindigkeiten von der Fahrbahn abzukommen besonders hoch. Stehen im Seitenraum Hindernisse sind Schutzeinrichtungen notwendig. Für Motorradfahrende stellen Stahlschutzsysteme mit ihren Pfosten eine neue Gefahrenquelle dar, da beim Sturz das Motorrad unter die Schutzeinrichtung rutschen kann. Die Unfallfolgen können für gestürzte Motorradfahrerinnen und Motorradfahrer dadurch wesentlich größer sein. Zur Abwendung der Gefahr wurde der Unterfahrschutz entwickelt. Das Motorrad gleitet so an der glatten Fläche entlang, die Unfallschwere wird reduziert.

Fahrzeug-Rückhaltesysteme: ein wichtiger Beitrag für mehr Verkehrssicherheit

Fahrzeug-Rückhaltesysteme machen unsere Landstraßen sicherer. Sie sollen aber nur dort eingesetzt werden, wo dadurch Risiken verringert oder vermieden und Gefahren gebannt werden können.


Einsatzempfehlungen für Fahrzeug-Rückhaltesysteme, Bundesanstalt für Straßenwesen
Schutzeinrichtungen an Straßen. Einsatz von Fahrzeug-Rückhaltesystemen in Deutschland vor dem Hintergrund europäischer Normen
Verbesserung der Verkehrssicherheit für Motorrad Fahrende auf Landstraßen. Themenserie Verkehrssicherheit für Entscheider in Stadt und Land
Vermeidung von Baumunfällen auf Landstraßen. Themenserie Verkehrssicherheit für Entscheider in Stadt und Land
Bekämpfung von Baumunfällen auf Landstraßen, DVR-Beschluss

Portraitfoto Frau Kulpe-Winkler

Andrea Kulpe-Winkler

Andrea Kulpe-Winkler arbeitet seit Oktober 2021 beim Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR). Als Referatsleiterin befasst sie sich mit den Themen rund um die Straßenverkehrstechnik. In ihre Tätigkeit für den DVR bringt die Diplom-Ingenieurin u.a. langjährige Erfahrungen aus ihrer Arbeit bei der Thüringer Straßenbauverwaltung als Sachgebietsleiterin/Fachkoordinatorin im Bereich Verkehrstechnik und Verkehrsorganisation ein.

Foto: Hans-Michael Winkler

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