Baustellen an Landstraßen: Auf schmalem Grat zwischen Arbeitsschutz und Verkehrsfluss

Klaus-Michael Krell, Themenfeldleiter Erd- und Straßenbau im Referat Tiefbau der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU)

Gefahrenzeichen Verkehrszeichen Baustelle Baum
Die Sicherung von Baustellen an Landstraßen muss sowohl der Verkehrssicherheit und dem Verkehrsfluss als auch dem Arbeitsschutz gerecht werden. Foto: Martin Lukas Kim/DVR

Gut geschützt auf einer Baustelle an der Landstraße arbeiten und gleichzeitig den Verkehrsfluss nicht behindern – das ist häufig ein Interessenskonflikt. Eine Lösung: die Vollsperrung der Straße. Denn die bringt einige Vorteile mit sich.

Inhalte des Artikels

Im Frühling heißt es wieder: Achtung Baustelle!

In wenigen Wochen ist es wieder so weit, der „Frühling lässt sein blaues Band…“ und mit dem Frühling kommen sie auch wieder, die Straßenbaustellen auf deutschen Landstraßen. Nicht nur der derzeitige Winter, sondern auch die beschädigten Fahrbahnbeläge und fehlenden Markierungen zwingen die Straßenbaulastträger zu einer Sanierung der teilweise maroden und veralteten Landstraßen.

Unübersichtliche Kurven, Kreuzungen und Hindernisse am Fahrbahnrand erschweren dabei die Arbeiten und machen Baustellen für Autofahrende zu einem besonderen Hindernis. So dass es bald wieder heißt: Achtung Baustelle!

Interessenskonflikte an Baustellen: Arbeitsschutz vs. Verkehrsfluss

Die „Richtlinien für die Sicherung von Arbeitsstellen an Straßen“ (RSA – in der Neufassung RSA 21 „Richtlinien für die verkehrsrechtliche Sicherung von Arbeitsstellen an Straßen“) regeln die verkehrsrechtliche Sicherung mit dem Ziel, dass alle Verkehrsteilnehmenden möglichst reibungslos eine Baustelle passieren können. Die Technischen Regeln für Arbeitsstätten ASR A 5.2 („Anforderungen an Arbeitsplätze und Verkehrswege auf Baustellen im Grenzbereich zum Straßenverkehr – Straßenbaustellen“) konkretisieren die Arbeitsstättenverordnung und regeln somit die Sicherheit der Beschäftigten auf der Baustelle.

Diese unterschiedliche Fokussierung führt besonders auf den vielen schmalen Landstraßen zu einem Interessenskonflikt zwischen RSA und ASR A 5.2: Auf der einen Seite ist da der Wunsch der Verkehrsteilnehmenden schnell und reibungslos eine Baustelle passieren zu können. Auf der anderen Seite ist der Anspruch der Beschäftigten im Straßenbau auf eine sichere Arbeitsstelle an der Straße. Mit der „Handlungshilfe für das Zusammenwirken von ASR A 5.2 und RSA bei der Planung von Straßenbaustellen im Grenzbereich zum Straßenverkehr“ (kurz: Handlungshilfe) werden für kritische Grenzfälle Lösungsvorschläge aufgezeigt.

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Foto: Langer/BG Bau

Baustellen sicher planen mit der Handlungshilfe

Die Handlungshilfe soll bereits in der Planungs- als auch später in der Ausführungsphase das Zusammenwirken von Straßenbau- und Verkehrsverwaltungen sowie Arbeitsschutzbehörden unterstützen. Sie richtet sich daher vor allem an die Auftraggebenden. Bei der Entwicklung und Erprobung von technischen Innovationen (vgl. Kapitel 7 der Handlungshilfe) müssen zum Beispiel die betroffenen (Arbeitsschutz-) Behörden eingebunden werden.

In der Anlage 5 der Handlungshilfe werden sogenannte „Steckbriefe verschiedener Verkehrsführungstypen“ aufgeführt. Diese Steckbriefe dürfen nur angewendet werden, wenn auf Grundlage von Kapitel 1.9 eine Gesamtgefährdungsabwägung von Sicherheit und Gesundheitsschutz sowie Verkehrssicherheit gemacht und dokumentiert wurde und dabei keine Lösungen gefunden wurden, die der ASR entsprechen. Bei einer Baustelle, die längerfristig besteht, müssen sich die für den Arbeitsschutz und die für den Straßenverkehr zuständigen Behörden eng abstimmen. Diese Abstimmung muss der Bauherr als Veranlasser der Baumaßnahme in die Wege leiten.

Die neuen Richtlinien zur verkehrsrechtlichen Sicherung von Arbeitsstellen an Straßen sind am 15. Februar 2022 erschienen. Sie lösen die RSA 95 ab.

Baustellen an Landstraßen: Vollsperrungen für mehr Arbeitsschutz

Obwohl in der Handlungshilfe vielfältige Lösungsmöglichkeiten aufgeführt sind, kommen diese auf vielen Landstraßen in Deutschland schnell an ihre Grenzen.

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Baustelle ohne den notwendigen Platzbedarf. Foto: Jaek/BG Bau

Eine konsequente Umsetzung der ASR A 5.2 bedeutet, dass eine Vollsperrung in vielen Fällen unvermeidlich ist. Aber kann eine Vollsperrung mit zum Teil riesigen Umleitungstrecken den Verkehrsteilnehmenden zugemutet werden? Ja – denn eine Vollsperrung bietet nicht nur Nachteile, sondern sie bringt auch viele Vorteile:

  • Höhere Qualität: Fahrbahnbeläge auf Landstraßen, die unter Vollsperrung eingebaut werden, (z.B. ohne Mittelnaht) sind hochwertiger und sollten dazu führen, dass der Sanierungszyklus einer Straße verlängert wird.
  • Schnellere Bauzeit: Bei Arbeiten unter Vollsperrungen können die geplanten Leistungen ohne zusätzliche Sicherungsmaßnahmen für den Straßenverkehr und oft auch mit größerem Gerät ausgeführt werden. So wird die Dauer der Baustelle verringert und somit auch die Zeit, in der Verkehrsteilnehmende durch die Baustelle eingeschränkt sind.
  • Geringere Kosten: Nicht nur die Reduzierung von Kosten für die Baustellensicherung, sondern auch der effektive Einsatz von Maschinen und Geräten führt zur Reduzierung der Kosten für die Unternehmen und somit auch für die öffentliche Hand.
  • Mehr Sicherheit: Unfälle auf Landstraßen innerhalb und durch Baustellen sind keine Seltenheit. Durch diese Unfälle werden sowohl die Verkehrsteilnehmenden als auch die Beschäftigten gefährdet bzw. geschädigt. Eine Vollsperrung mit einer gut ausgeschilderten Umleitung reduziert die Gefährdungen für und durch die Baustelle.

Mehr Aufklärung über Sinn und Zweck von Vollsperrungen nötig

Da diese Vorteile nicht für jeden Verkehrsteilnehmenden auf der Hand liegen, wenn er auf dem Weg zur Arbeit eine größere Umleitungsstrecke fahren muss, liegt es an den Straßenbaulasttragenden, Kommunen und Baufirmen, diese Punkte vorab zu kommunizieren. Es geht darum, Verkehrsteilnehmende und Anwohnerinnen und Anwohner zu informieren und diese mitzunehmen, ihnen die Vorteile für sich und besonders für die Beschäftigten auf den vielen Baustellen auf deutschen Landstraßen zu erläutern.


Technische Regeln für Arbeitsstätten ASR A 5.2
Handlungshilfe für das Zusammenwirken von ASR A 5.2 und RSA bei der Planung von Straßenbaustellen im Grenzbereich zum Straßenverkehr
Sicherheitsabstände von Arbeitsplätzen und Verkehrswegen auf Straßenbaustellen zum Verkehr
Sicherung von Arbeitsstellen an Straßen

Portraitfoto Mann Klaus-Michael Krell

Klaus-Michael Krell

Klaus-Michael Krell arbeitet seit 2020 als Themenfeldleiter Erd- und Straßenbau im Referat Tiefbau der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU) in der Abteilung für Sicherheit und Mitarbeiter im Fachbereich Bauwesen der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV).

Foto: Privat

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