Wirtschaftswege im Radroutennetz sicher nutzen

Sissi Karnehm-Wolf & Sebastian Schulze, Team Radverkehr des Landkreises Göttingen

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Mit gegenseitigen Verständnis kommen alle sicher ans Ziel. Foto: Landkreis Göttingen

Radrouten auf Wirtschaftswegen sind im Landkreis Göttingen Alltag. Ein Alltag mit Herausforderungen, denn die oft unterschiedlichen Bedürfnisse der Verkehrsteilnehmenden müssen zusammengebracht werden.

Inhalt des Artikels

Im Landkreis Göttingen ist der Anteil von Radwegen an klassifizierten Straßen mit rund 20 Prozent gering. Somit sind seit dreißig Jahren Radrouten auf Wirtschaftswegen ein elementarer Bestandteil des Baulastträger übergreifenden Radverkehrsnetzes. Im hügeligen Südniedersachsen hatte der Bau von Radwegen im ländlichen Raum über lange Jahre keine hohe Priorität – verglichen mit dem Ausbaustand von bis zu 90 Prozent klassifizierten Straßen mit Radwegen im westlichen Niedersachsen. 
Dies ist auch im Masterplan Zukunftsfähiger Radverkehr (2018) dokumentiert.

Unterschiedliche Wegeansprüche bei Wirtschaftswegen

Wirtschaftswege dienen vorrangig der Erreichbarkeit und dem Betrieb von land- und forstwirtschaftlichen Flächen. Die Nutzung von Zu Fuß Gehenden und Radfahrenden ist gestattet und im Niedersächsischen Waldgesetz verankert. Trotzdem treten auch immer wieder Konflikte mit den oft privaten Wegeeigentümern und Wegeeigentümerinnen auf.

Die unterschiedlichen Nutzerinnen und Nutzer haben verschiedene Ansprüche an die Ausbauart, die Wegebeläge, die Unterhaltung und den Betrieb. Dazu gehören:

  • Zunehmend immer größere land- und forstwirtschaftliche Maschinen benötigen einen geeigneten Wegeaufbau für Schwerlastverkehr bis 40 Tonnen bei mindestens drei bis vier Metern Wegbreite.
  • Wandernde bevorzugen naturbelassene und unbefestigte Wege und andere für den Fußverkehr gebundene, saubere Wegeoberflächen und langsame Geschwindigkeiten aller Wegenutzenden.
  • Radfahrende schätzen glatte Wegebeläge mit geringem Rollwiderstand ohne Gefahrenstellen und Belägen frei von Schäden, Verschmutzungen oder Bewuchs und ausreichende lichte Höhen und Breiten.

Die Nutzertypen haben ganz unterschiedliche Bedürfnisse und Interessen. Deshalb ist guter Wille und Verständnis für die anderen Nutzerinnen und Nutzer sowie die Bereitschaft zu einem sicheren und freundlichen Umgang elementar für ein gutes Miteinander. Die Beschwerdegründe sind verschieden: 

  • rücksichtslose, gar „rasende“ Radfahrende, die weder Wirtschaftsfahrzeugen noch Zu Fuß Gehenden ausweichen, weil sie sich „im Recht fühlen“. Viele von ihnen denken Asphalt- oder Betonwege seien grundsätzlich öffentliche Wege. Oft wissen sie nicht, dass sie sich auf land- und forstwirtschaftlichen Wirtschaftswegen befinden.
  • Radfahrende und Zu Fuß Gehende beschweren sich über zu große und zu breite landwirtschaftliche Fahrzeuge mit hoher Geschwindigkeit.
  • Erntereste und Verschmutzungen durch land- und forstwirtschaftliche Fahrzeuge oder schlechte Wegezustände mit Schlaglöchern, mangelnden Wasserabflüssen oder seitlichem Einwuchs.

Konsequenzen für die Radverkehrsplanung der Kommunen

Mittels ihrer Netzplanung versuchen Kommunen, möglichst die Gesamtzahl der auf Wirtschaftswegen verlaufenden Radrouten zu reduzieren, um gezielt nur auf den wichtigen Alltags- und Freizeitrouten entsprechende Qualitätsmaßnahmen für die Mitnutzung durch den Radverkehr umzusetzen. Damit:

  • bei Ausbaumaßnahmen dieser multifunktionalen Wege der Landwirtschaft die Anforderungen des Radverkehrs auf diesen ausgewählten priorisierten Routen mitberücksichtigt und von der öffentlichen Hand entsprechend mitfinanziert werden.
  • nutzerübergreifende Aufklärungskampagnen durchgeführt werden, um ein rücksichtvolles Miteinander und Verkehrssicherheit für alle herbeizuführen.
  • wirksame Maßnahmen mit Verkehrszeichen, Hinweisen oder leichten baulichen Veränderungen so umzusetzen sind, dass sie die Belange des Radverkehrs berücksichtigen.

Gute Kommunikation aller Beteiligten

Mindestens einmal jährlich treffen sich Kommunen, Landvolk, Landesforsten, Polizei, Verkehrsbehörden und der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) mit dem Team Radverkehr im Landkreis Göttingen im „Arbeitskreis Radverkehr“ zum Erfahrungsaustausch und zur Beratung abgestimmter Maßnahmen.

Maßnahmen zur sicheren Nutzung von Wirtschaftswegen im Überblick

  • So entstand gemeinsam die Kampagne „Rücksicht macht Wege breit“, um mit Schildern und Markierungen für ein sicheres Miteinander zwischen landwirtschaftlichen Verkehr und Radverkehr zu werben.
  • Der Landkreis hat in der Kreisstraßenmeisterei einen Radfernwegewart angestellt, der als qualifizierter Straßenmeister die radfahrtaugliche Unterhaltung von Wirtschaftswegen ideal umsetzen kann. Er ist in Abstimmung mit den Wegeeigentümern und Wegeeigentümerinnen verantwortlich für ca. 40 Kilometer ausgewählte Radfernwegeroutenabschnitte auf Wirtschaftswegen.
  • Bei entsprechenden Voraussetzungen werden vorhandene Wirtschaftswege parallel zu klassifizierten Straßen genutzt und auch vom Land Niedersachsen zu Ersatz-Radwegen ausgebaut, um zusätzliche Flächenversiegelungen durch multifunktionale Wege zu reduzieren. Der Grunderwerb für neue straßenbegleitende Radwege ist sehr schwierig geworden.
  • Der Landkreis bietet eine Förderung für den radverkehrstauglichen Ausbau von Wirtschaftswegen an, um damit Netzlücken des Radroutennetzes zu schließen. Bei der Fortschreibung des Masterplans Zukunftsfähiger Radverkehr wird die Anzahl der Routen auf Wirtschaftswegen reduziert, aber ausgewählte Wegeabschnitte optimiert. Das Routennetz wird abgestimmt, verändert und den neuen Entwicklungen im Radverkehr angepasst, um zukünftig und längerfristig die Qualität dieser Verbindungen zu verbessern.

„Rücksicht macht Wege breit

Unter dem Motto „Rücksicht macht Wege breit“ erinnern Schilder an Wirtschaftswegen, dass die gemeinsame Nutzung dieser meist privaten Feldwege das gegenseitige Verständnis sowohl der Landwirte und Landwirtinnen wie der Radfahrenden erfordert. In Zeiten von Corona haben auch im Landkreis Göttingen Radtouren am Feierabend und Wochenende sowie der Radtourismus deutlich zugenommen. Um Konflikte unter anderem in Erntezeiten zu vermeiden, wird der freundliche Umgang miteinander von Landkreis und Landvolk e.V. gemeinsam empfohlen.

Im Oktober 2020 wurde der Landkreis Göttingen vom Land Niedersachsen als Fahrradfreundliche Kommune zertifiziert. Die Jury hat diese Zusammenarbeit ebenfalls sehr positiv bewertet. Im Nationalen Radverkehrsplan wurde die Initiative als Best-Practice-Beispiel zur Nachahmung aufgenommen. Im April wurde die Kampagne beim Deutschen Fahrradpreis 2021 in der Kategorie Kommunikation mit dem 2. Platz ausgezeichnet. 500 Schilder wurden inzwischen unbürokratisch über das Landvolk an interessierte landwirtschaftliche Wegebesitzer verteilt, die diese auf ihre Kosten montiert haben.

Schild
Foto: Landkreis Göttingen

Die Vorteile bei der Nutzung von Wirtschaftswegen

Angesichts der immer größeren Land- und Forstmaschinen nehmen die Ansprüche an Wirtschaftswege zu. Gleichwohl erlaubt eine rücksichtsvolle gemeinsame Nutzung multifunktionaler Wege mit dem zunehmenden Alltags- und Freizeitradverkehr, klimaschädliche zusätzliche Flächenversiegelungen im ländlichen Raum zu vermeiden.


Masterplan Zukunftsfähiger Radverkehr (2018)
Niedersächsisches Waldgesetz
Gemeinsame Kampagne Landkreis mit Landvolk Göttingen  „Rücksicht macht Wege breit“
Kampagne „Rücksicht macht Wege breit“ 2. Platz beim Deutschen Fahrradpreis 2021
Nationaler Radverkehrsplan zur Kampagne „Rücksicht macht Wege breit“

Porträtfoto Frau Sissi Karnehm-Wolf

Sissi Karnehm-Wolf

Sissi Karnehm-Wolf hat seit der Fusion der Landkreise Göttingen und Osterode am Harz im Jahr 2016 das Team Radverkehr des Landkreises Göttingen (FD 60.2 Kreisstraßen und Radverkehr) mit aufgebaut. Die systematische Entwicklung und Umsetzung des „Masterplans Zukunftsfähiger Radverkehr“ soll den Radverkehr im ländlichen Raum voranbringen.

Foto: Privat

Porträtfoto Mann Sebastian Schulze

Sebastian Schulze

Sebastian Schulze hat zwischen 2012 und 2015 erstmals das komplette Radroutennetz des fusionierten Landkreis Göttingen mit dem Rad befahren und bringt seine wertvollen Praxiserfahrungen mit ein ins Team Radverkehr. Er ist gelernter Landschaftsgärtner und Dipl. Ing. (FH) Landschaftsarchitektur, seit 2011 beim Landkreis Göttingen beschäftigt, seit 2017 kümmert er sich ausschließlich um Themen des Radverkehrs.

Foto: Privat

2 Kommentare

  1. Ist Ihnen eigentlich klar, dass auf Wirtschaftswegen de facto ein Überholverbot gegenüber Radfahrern besteht – egal wie lang der Wirtscgaftsweg ist oder wie langsem der Radfahrer fährt. Denn es muss außerorts ein Abstand von mindestens 2 m eingehalten werden. Demgegenüber gibt es keinerlei Vorgabe für den Abstand gegenüber entgegenkommenden Radfahrern.
    Selten so eine vermutlich gut gemeinte, in der Praxis aber unsinnige Regelung gesehen.

  2. Genau darauf bezieht sich die Kampagne „Rücksicht macht Wege breit“ – Radfahrer/innen fahren kurz auf das Bankett und lassen den Trecker mit den Landmaschinen vorbei fahren und damit „überholen“! Der landwirtschaftliche Verkehr ist so gering, dass man ihn ruhig mal durchlassen kann ohne große Zeitverluste für den Radverkehr. Es hebt die Stimmung spürbar in den kleinen Orten, wenn hier auf gegenseitige Rücksicht geachtet wird

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