„Landstraßen verzeihen selten Fehler“ – Hochrisikogruppe junge Fahrende

im Interview mit Ulrich Chiellino, Verkehrspsychologe und Leiter der Verkehrspolitik beim ADAC

Landstraße Dämmerung Bäume
Die Landstraßen-Kampagne „Fahr sicher!“ sensibilisiert mit Plakatmotiven und einem Kino-Spot für die Gefahren auf Landstraßen. Foto: DVR, BMDV

Im Interview mit DVR-Kampagnenreferentin Johanna Vollrath erklärt Ulrich Chiellino, Verkehrspsychologe und Leiter der Verkehrspolitik beim ADAC, welche Herausforderungen das Fahren auf Landstraßen birgt und warum junge Erwachsene eine besondere Risikogruppe darstellen.

Inhalt des Artikels

Die Landstraßen-Kampagne „Fahr sicher!“

Bunt und auffällig, so sind die neuen Plakatmotive der Landstraßen-Kampagne des DVR „Fahr sicher!“. Die einprägsamen Wortspiele sollen Fahrende auf typische Fehlverhalten hinterm Steuer hinweisen und gleichzeitig aufzeigen, dass jeder seinen Teil dazu beitragen kann, Unfälle auf Landstraßen zu vermeiden. Zusätzlich gibt es einen Präventionsfilm, der die Gefahren beim Überholen auf der Landstraße thematisiert.
Die Kampagne soll insbesondere junge Menschen auf die schlimmen Folgen eines Unfalls aufmerksam machen und dazu anregen, das Fahren auf Landstraßen nicht zu unterschätzen und vorsichtig und umsichtig zu fahren.

Plakatmotive Landstraßen-Kampagne
Die Plakatmotive der Landstraßen-Kampagne. Foto: DVR, BMDV

Junge Menschen haben erhöhtes Unfallrisiko auf der Landstraße

Doch wie es die Botschaften der Plakate andeuten, liegen falsches und richtiges Fahrverhalten und auch Spaß und Leid auf Landstraßen nahe beieinander. Insbesondere junge Fahrende im Alter zwischen 18 und 24 Jahren haben ein erhöhtes Unfallrisiko im Straßenverkehr: über 70 Prozent der im Verkehr getöteten jungen Pkw-Fahrenden starb im Jahr 2021 auf Landstraßen. Auch sind in dieser Altersgruppe die Zahlen, entgegen des Trends in den letzten Jahren, gestiegen. Im von der Corona-Pandemie unbeeinflussten Jahr 2019 stieg die Zahl der im Pkw getöteten jungen Erwachsenen um 8,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Trügerisches Sicherheitsgefühl auf der Landstraße

Eine Untersuchung vom ADAC zeigt, dass sich Pkw-Fahrende mit großer Mehrheit sehr sicher auf Landstraßen fühlen. Woher kommt dieses hohe Sicherheitsgefühl und wie trügerisch ist diese Einschätzung?

Die Idylle und die malerischen Landschaften, die die Landstraßen umgeben, sorgen dafür, dass man sich geborgen und sicher fühlt. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Was nett anzusehen ist, so wie ein 100 Jahre alter Baum am Straßenrand, wird bei Unaufmerksamkeit zu einem tödlichen Aufprall-Hindernis. Das erkennen die wenigsten und unterschätzen die Gefahren.

Landstraßen haben auch die hohe Herausforderung, dass Fahrzeuge unterschiedlicher Geschwindigkeiten aufeinandertreffen und der Platz zum Überholen nicht immer sofort verfügbar ist. So führt die Ungeduld einiger Verkehrsteilnehmenden immer wieder zu riskanten Überholmanövern.

Hintergründe für erhöhtes Unfallrisiko junger Menschen auf der Landstraße

Im vergangenen Jahr kamen 123 junge Pkw-Fahrende auf einer Landstraße ums Leben. Womit hängt das zusammen und warum sind gerade junge Fahrende so risikofreudig?

Das hängt damit zusammen, dass die Landstraßen selten Fehler verzeihen und Fahranfänger sich ungewollt häufig in risikoreiche Situationen begeben. Innerorts sind die Geschwindigkeiten herabgesetzt oder die Konfliktpunkte besser erkennbar. Auf den Landstraßen ist das nicht immer der Fall.

Wir haben insbesondere in ländlichen Regionen die Herausforderung, dass junge Erwachsene häufig längere Strecken zurücklegen müssen. Und abends bei der Heimfahrt von Freizeitaktivitäten oder von der Disko können auch Alkohol und andere berauschende Mittel eine Rolle spielen. Ebenso ist das Thema Ablenkung ganz wesentlich. Beim Blick aufs Handy reichen wenige Sekunden aus, um in den Gegenverkehr abzudriften. Das kann in einem unglücklichen Moment fatale Folgen haben.

Für ein sicheres Fahren bedarf es auch an Erfahrung. Wie ist es beispielsweise mit Raureif zu sehen? Wie ist die Witterung einzuschätzen? Oder was heißt es, ein älteres Fahrzeug zu fahren, welches nicht das der Eltern ist? Normalerweise fährt man die Kurven vielleicht bequem und sicher, aber das kann in einer anderen Konstellation ganz anders aussehen. Deshalb ist gerade im Aufbau der Risikokompetenz Vorsicht geboten. Man kann nur dafür werben, jungen Erwachsenen die Möglichkeit zum Begleiteten Fahren zu geben. In Begleitung können Erfahrungen auf Landstraßen gemacht werden, die es dann leichter machen, die richtigen Entscheidungen zu treffen, wenn man alleine unterwegs ist.

Risikofaktoren für Motorradfahrende auf der Landstraße

Im Jahr 2021 verunglückten 79 Prozent der im Straßenverkehr getöteten Motorradfahrenden auf Landstraßen. Welche Risikofaktoren gibt es insbesondere für junge Motorradfahrende?

Motorradfahrende müssen eine andere Fahrzeugbeherrschung mitbringen als Autofahrende. Das heißt, sie müssen noch viel mehr ausbalancieren, im wahrsten Sinne des Wortes. Durch Schreckreaktionen oder andere vermeintliche Kleinigkeiten können sie schnell aus dem Gleichgewicht kommen. Aber auch die Risikofreudigkeit beim Überholen, das falsche Einschätzen der Kurvengeschwindigkeiten oder witterungsbedingte Veränderungen auf der Fahrbahn können viel schneller zu einem Kontrollverlust führen.

Ein anderer Aspekt ist die Infrastruktur, die nicht immer auf Motorradfahrende abgestimmt ist. So können Leitplanken für Motorradfahrende eher Fluch als Segen sein, sofern sie über keinen Unterfahrschutz verfügen.

In der ADAC-Umfrage haben wir gesehen, dass sich nicht viele Motorradfahrende über die Risiken auf Landstraßen bewusst sind. Hier muss Klarheit geschaffen werden darüber, dass man vieles selbst in der Hand hat, vieles selbst steuern kann. Und dass man auf Landstraßen stets sehr vorsichtig unterwegs sein sollte. Motorradfahrende sind nochmal mehr gefährdet als Pkw-Insassen, und insbesondere junge Fahrende. Das ist eine Hochrisikogruppe.

Tipps für eine sichere Fahrt auf der Landstraße

Welche Tipps zum Fahrverhalten können Sie jungen Fahrenden mit auf den Weg geben, um Unfälle auf Landstraßen zu vermeiden?

Man sollte immer aufmerksam unterwegs sein und Ablenkungen vermeiden. Sich auf das Fahren und seine eigene Fahrfertigkeiten konzentrieren. Im Zweifel sollte eine geringere Geschwindigkeit gewählt werden und nicht versucht werden, in den Grenzbereich vorzudringen. Immer die Finger vom Alkohol lassen. Und sich auch nicht auf mehr einlassen, als die Situation leisten kann. Alles andere kann auf Landstraßen leider zu sehr schlimmen Unfällen führen.

An die Eltern adressiert, ist das Angebot BF17 ernst zu nehmen. Es ist wichtig, Expertise in einem geschützten Rahmen zu sammeln und eine verlängerte Lernphase zu ermöglichen, um so auf Landstraßen Sicherheit zu gewinnen.


Landstraßen-Kampagne „Fahr sicher!“
Digitale Landstraßen-Broschüre downloaden
Landstraße – FAHR SICHER! Kino-Spot der DVR-Kampagne
Verkehrsunfallzahlen 2021 des Statistischen Bundesamts
ADAC Untersuchung zu Landstraßen
Begleitetes Fahren – BF17

Porträtfoto Ulrich Chiellino

Ulrich Chiellino

Ulrich Chiellino ist für den ADAC e.V. als Leiter Verkehrspolitik tätig. Zuvor verantwortete er als Psychologe in leitender Funktion für die Audi Accident Research Unit die Unfallursachenanalyse. Seit 2015 vertritt er den DVR Vorstandsausschuss „Junge Kraftfahrer“ als Vorsitzender und bringt sich in unterschiedlichen Expertenbeiräten im Schwerpunkt für die Verkehrssicherheit ein.

Foto: ADAC, Stefanie Aumiller

Porträtfoto Johanna Vollrath

Johanna Vollrath

Johanna Vollrath ist Kampagnenreferentin des Deutschen Verkehrssicherheitsrats und betreut die Landstraßen-Kampagne. Sie ist Kommunikationswirtin und leitete drei Jahre lang die „Road Safety Commission“ (CONASET) des Verkehrsministeriums der chilenischen Regierung, nachdem sie als Kampagnenreferentin und Referatsleiterin für Marketing und Kommunikation in derselben Institution tätig war.

Foto: Privat

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