„Das Auto öfter stehen lassen, kann ein Plus an Lebensqualität sein”

Ein Gespräch mit Radprofessor Dr. Christian Rudolph

Vier Radfahrerinnen auf Landstraße
Sicher unterwegs mit dem Fahrrad im ländlichen Raum; Foto: Lars Johansson, Nr. 422573632, Adobe Stock

Dr.-Ing. Christian Rudolph ist Radprofessor an der Technischen Hochschule Wildau. Im Interview erklärt er, was den Ausbau der Radinfrastruktur in ländlichen Räumen hemmt, welche Strategien das ändern können und verrät, ob er sich selbst sicher auf Landstraßen fühlt.

Fahrend Sie selbst Rad? Was für ein Fahrrad nutzen Sie?

Na klar! – jeden Tag: Um unsere Kinder in die Kita zu fahren und für die Einkäufe nutze ich ein Stadtrad mit Anhänger. Für längere Ausfahrten ein Rennrad.

Wie sicher fühlen Sie sich mit dem Fahrrad Landstraßen?

Das ist sehr situationsabhängig: Wenn ich mit dem Rennrad in der Freizeit in eher touristischen Gebieten unterwegs bin, fühle ich mich meistens sicher. Im Berufsverkehr auf einer Landstraße ohne separaten Radweg, fühle ich mich schnell unwohl oder sogar gefährdet. Ich glaube, da bin ich nicht der Einzige.

Was meinen Sie wie es gelingen könnte, dass noch mehr Menschen Rad fahren?

Ich denke, wenn wir es schaffen, dass sich die Menschen sicherer im Straßenverkehr auf dem Rad fühlen, dann werden auch mehr Menschen das Fahrrad nutzen. Wenn wir es dann noch schaffen, den Radverkehr clever mit dem ÖPNV zu verbinden und das Umsteigen so einfach und schnell wie möglich gestalten, dann wird der Effekt noch größer sein.

Wie kommen wir dahin: Zum einen müssen wir mehr sichere Radinfrastruktur schaffen. Dazu zählen nicht nur Fahrwege, sondern auch sichere Abstellmöglichkeiten. Informationsvermittlung, Digitalisierung oder auch Gamification sind Stichworte, die Barrieren abbauen können. Meine sechs Kolleginnen und Kollegen der Stiftungsprofessuren des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) und ich haben zudem den Auftrag Radverkehrsplanerinnen und -planer auszubilden, um dem Mangel an Planungsfachkräften in den Ämtern und Planungsbüros zu begegnen.

 Wie kann man die Mobilitätswende in Deutschland flächendeckend vorantreiben?

Ich bin davon überzeugt, dass die Mobilitätswende gelingen wird, wenn alle Bürgerinnen und Bürger mitmachen. Das Auto öfter mal stehen zu lassen, muss nicht immer Verzicht und Plagerei bedeuten, sondern kann ein echtes Plus an Lebensqualität und Wohlbefinden sein. Um dies jedoch für alle attraktiv zu machen, braucht es eben eine sicherere Fahrradinfrastruktur in den Städten und entlang von Landstraßen. In Städten sehe ich zudem eine Reduzierung der Geschwindigkeiten als notwendig an, um die Sicherheit für nicht-motorisierte Verkehrsteilnehmende weiter zu erhöhen; entlang von Landstraße müssen Radverkehrsanlagen baulich getrennt sein.

Was sind aktuell die Hemmnisse für eine bessere Radinfrastruktur im ländlichen Raum?

Zum einen sind das die Kosten für die Umplanung, den Umbau und auch die fehlenden Personalressourcen in kleineren Gemeinden. Diese sind oftmals eingeschränkt oder teilweise nicht mehr auf dem neuesten Stand, was die aktuellen Möglichkeiten in der Radverkehrsplanung angeht. Hier möchten wir mit der Ausbildung von jungen Radverkehrsplanerinnen und –planern natürlich gegensteuern.

Auf der anderen Seite beobachten wir, dass in fast allen Bundesländern Radschnellwege, die auch Radschnellverbindungen oder Fahrradautobahnen genannt werden, geplant und gebaut werden. Diese überregionalen Verbindungen, die höchste Standards erfüllen sollen, können einen ganz neuen Dreh in die Geschichte bringen.

Welche wichtigen Faktoren müssen für eine bessere Radinfrastruktur erfüllt werden?

Das sind die fünf Grundprinzipien, nach denen die Niederlande, Belgien und Dänemark schon seit Jahrzehnten planen:

sicher, direkt, kohärent (sprich: zusammenhängend und schlüssig sowie wiedererkennbar und einheitlich), attraktiv und komfortabel. Darunter lassen sich quasi alle Ansprüche subsummieren. Sie sehen, wir müssen das Rad gar nicht neu erfinden.

Können Sie uns einen Ausblick in die Zukunft über die Radschnellwege im ländlichen Raum geben?

Ich hoffe natürlich, dass die Evaluationen der Radschnellwege widerspiegeln, dass das System ein Erfolgsrezept ist! Dann werden die Netze immer dichter und können gut an den ÖPNV angebunden werden. Die Menschen werden es nicht mehr missen wollen. Am schönsten wäre es natürlich, wenn die nachfolgenden Generationen sich gar nicht mehr vorstellen können, dass es mal eine Zeit gab, zu der man auf Landstraßen zusammen mit dem Autoverkehr Fahrrad fahren musste.


Dr.-Ing. Christian Rudolph

Prof. Dr.-Ing. Christian Rudolph

Prof. Dr.-Ing. Christian Rudolph ist seit April 2021 an der Technischen Hochschule Wildau tätig und hat seit Mai 2021 die Professur „Radverkehr in intermodalen Verkehrsnetzen“ im Fachbereich Ingenieur- und Naturwissenschaften an der Wildauer Hochschule inne. Zuvor war er Leiter der Forschungsgruppe Last Mile Logistik und Güterverkehr am Institut für Verkehrsforschung beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. (DLR). Dort war er unter anderem für Projekte zur gewerblichen Fahrradnutzung verantwortlich.

Foto: TH Wildau/Rammelt

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