Baumunfälle – Tödliches Risiko auf Landstraßen

Jörg Ortlepp, Leiter Verkehrsinfrastruktur, Unfallforschung der Versicherer (UDV)

Ein unbefahrene Landstraße mit Schutzplanken
Baumunfälle sind besonders häufig in den Bundesländern, die reich an Alleen sind, wie z.B. Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern. Foto: Privat

Das Risiko bei einem Baumunfall tödlich zu verunglücken ist besonders hoch. Auch wenn sich die Zahl der bei Baumunfällen Getöteten und Schwerverletzten deutlich reduziert hat, sind diese Unfälle nach wie vor sehr häufig. Doch es gibt Maßnahmen, die das Risiko für Baumunfälle senken können.

Unfälle mit Aufprall auf Bäumen zeichneten sich schon immer durch besondere Unfallschwere aus. Wie schrecklich der Aufprall mit einem Fahrzeug auf einen Baum endet, zeigen nicht zuletzt die schockierenden Unfallbilder, die immer wieder durch die Presse gehen. Seitenairbags oder die Fahrzeugstruktur können bei diesen Unfällen nur wenig zur Abmilderung des heftigen Aufpralls beitragen. Dies haben unter anderem Versuche gezeigt, die die Unfallforschung der Versicherer (UDV) 2008 durchgeführt hat [1]. Dabei zeigte sich, dass schon ein seitlicher Aufprall an einen Baum mit 55 km/h für die Fahrzeuginsassen schwerste oder gar tödliche Verletzungen zur Folge hat. Bei einem Aufprall mit 90 km/h zerfetzt der Baum das Auto regelrecht. Die Insassen haben dann keine Überlebenschance mehr.

Das Risiko, bei einem Baumunfall zu sterben ist daher besonders hoch. Je 1.000 Baumunfälle mit Personenschaden auf Landstraßen starben 2019 64 Verkehrsteilnehmende. Bei Unfällen mit Aufprall auf eine passive Schutzeinrichtung wie etwa „Leitplanken“ waren es „nur“ 38. Wenn beim Abkommen von der Fahrbahn kein Aufprall auf ein Hindernis im Seitenraum stattfindet, ist die Wahrscheinlichkeit dabei ums Leben zu kommen noch deutlich geringer.

Baumunfälle – besonders häufig

Vor 1995 war die Anzahl der Baumunfälle aber bundesweit unbekannt, sie wurden in der Statistik nicht gesondert ausgewiesen. Erst seit dem 1.1.1995 erfasst die Polizei auf Anregung der UDV, damals Institut für Straßenverkehr Köln (ISK), ob es bei Straßenverkehrsunfällen zu einem Aufprall auf ein Hindernis neben der Fahrbahn gekommen ist und welcher Art das Hindernis war. Seitdem sind die gravierenden Ausmaße von Unfällen mit Aufprall auf Bäume detailliert bekannt. Seit 1995 hat sich die Anzahl der auf Landstraßen bei Baumunfällen Getöteten sehr deutlich um 78 Prozent reduziert. Trotzdem kam 2019 immer noch fast jeder vierte bei einem Unfall auf Landstraßen Getötete durch einen Baumunfall ums Leben [2]. Baumunfälle waren damit auch 2019 wieder die häufigste Einzelursache von tödlichen Verkehrsunfällen in Deutschland.

Baumunfälle – besonders im Norden

Baumunfälle, zumeist mit Pkw, geschehen, wie andere Unfälle auf Landstraßen auch, verteilt über den ganzen Tag mit ausgeprägten Spitzen während der morgendlichen und nachmittäglichen Hauptverkehrszeit. Ein Vergleich der 13 Flächen-Bundesländern zeigt, dass in jedem Land ein deutlicher Rückgang der Baumunfälle seit 1995 festzustellen ist, wenn auch unterschiedlich stark. Dabei ist der Anteil der Baumunfälle in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedlich. Besonders hoch sind sie in den nördlichen Ländern Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt.

Baumunfälle – Länderprogramme

Daher finden sich auch gezielte Programme gegen Baumunfälle eher in Ländern mit vielen Baumunfällen. Auch die Maßnahmen, die in den einzelnen Ländern getroffen werden, sind durchaus unterschiedlich bzw. werden in unterschiedlichem Umfang umgesetzt. Einheitlich ist jedoch, dass in allen Ländern die Richtlinien für den passiven Schutz an Straßen (RPS) eingeführt wurden und Fahrzeug-Rückhaltesysteme (Schutzplanken) vor Bäumen im Seitenraum eingesetzt werden. Weitere Maßnahmen wie Geschwindigkeitsbeschränkungen oder das Entfernen von Bäumen werden jedoch nur von einem Teil der Länder als vorbeugende Maßnahme umgesetzt.

Als besonders wirksame Maßnahmen haben sich in der Vergangenheit die Reduzierung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit von 100 auf 80 bzw. 70 km/h mit Geschwindigkeitsüberwachung sowie der Einsatz von Fahrzeug-Rückhaltesystemen gezeigt [3].

Baumunfälle – Probleme erkennen

Auch wenn sich in den letzten Jahren die Anzahl der bei Baumunfällen Getöteten und Schwerverletzten deutlich reduziert hat, sind diese Unfälle nach wie vor sehr häufig und tragen zu einem erheblichen Teil zu der hohen Anzahl Getöteter auf Landstraßen bei. Deshalb ist es wichtig, dass die Verantwortlichen die immer noch vorhandenen Probleme erkennen und die richtigen Maßnahmen ergreifen, um die Sicherheit auf Landstraßen zu verbessern. An erster Stelle muss die sorgfältige Analyse des Unfallgeschehens und der potenziellen Gefahrenquellen stehen. Dazu tragen netzweite Sicherheitsanalysen und Sicherheitsaudits bei Planung sowie im Bestand ebenso bei, wie eine sorgfältige Arbeit der Unfallkommissionen und regelmäßige Verkehrsschauen. Durch dieses Zusammenspiel können sowohl potenzielle als auch bereits aufgetretene Unfallstellen vollständig entschärft werden, und zwar meistens, ohne dass dabei die Kettensäge oder die Axt zum Einsatz kommen müssen. Denn ein Entfernen von Bäumen ist in den meisten Fällen nur die Ultima Ratio.

Baumunfälle – wirksame Gegenmaßnahmen

Bei der Maßnahmenfindung zur Vermeidung von Baumunfällen sollten die Bereiche Verhalten, Fahrzeugtechnik und Infrastruktur gleichermaßen adressiert werden.

Deshalb empfiehlt die Unfallforschung der Versicherer:

  • Eine Herabsetzung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit mit gezielter Überwachung an Häufungen von Baumunfällen; in Alleen sollte maximal Tempo 80 angestrebt werden,
  • Ausstattung der Unfallschwerpunkte mit Schutzplanken,
  • sinnvolle Kombination bekannter und wirksamer Maßnahmen
  • kein Nachpflanzen oder Neupflanzen von Bäumen ohne Schutzplanken,
  • Ausstattung von Fahrzeugen mit sinnvollen, sicherheitserhöhenden Fahrerassistenzsystemen.

[1] Bekämpfung von Baumunfällen auf Landstraßen, Unfallforschung kompakt, Unfallforschung der Versicherer, 2009
[2] Verkehrsunfälle 2019, Fachserie 8 Reihe 7, Statistisches Bundesamt, 2020
[3] Evaluation von Maßnahmenprogrammen ausgewählter Bundesländer gegen Baumunfälle, Unfallforschung der Versicherer, voraussichtlich 2020

Jörg Ortlepp, UDV

Jörg Ortlepp

Jörg Ortlepp (Jahrgang 1966) ist in Bonn aufgewachsen, studierte Bauingenieurwesen an der Bergischen Universität Wuppertal und arbeitete anschließend 14 Jahre lang als Verkehrsplaner und Geschäftsführer eines Ingenieurbüros in Köln. Seit 2008 leitet Ortlepp den Bereich Verkehrsinfrastruktur bei der Unfallforschung der Versicherer im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. in Berlin.

Jörg Ortlepp engagiert sich aktiv in der FGSV und leitet u.a. den Arbeitsausschuss „Radverkehr“ . Er vertritt die Unfallforschung im Beirat Radverkehr im BMVI sowie im Bund-Länder-Arbeitskreis Radverkehr. Zudem ist er stellvertretender Leiter des Vorstandsausschusses Verkehrstechnik beim DVR.

Foto: Privat

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