„Die Überschätzung der eigenen Fähigkeiten ist ein sehr häufiges Phänomen“

Dr. Hardy Holte, Verkehrspsychologe bei der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt)

Überholvorgang von oben
Fahrzeugführende überschätzen die Strecke zum Überholen häufig. Die Folge: Es kann zu Unfällen mit dem Gegenverkehr kommen. Foto: Bits and Splits, Nr. 381624191, Adobe Stock

Die neue Kampagne des DVR „Landstraße – Fahr sicher“ klärt über Unfallrisiken auf Landstraßen auf. Dr. Hardy Holte, Verkehrspsychologe bei der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) erklärt im Interview, warum es beim Überholen zur Selbstüberschätzung kommt, ob es unter Menschen Unfalltypen gibt und warum manche es einfach immer eilig haben.

Landstraßenkampagne: Fokus Gegenverkehrsunfälle

Die Kampagne des DVR legt einen besonderen Fokus auf Gegenverkehrsunfälle, also Unfälle, bei denen zwei entgegenkommende Fahrzeuge kollidieren. 2020 ist knapp ein Drittel der auf Landstraßen getöteten Menschen bei einem Unfall mit dem Gegenverkehr ums Leben gekommen. Auch bei einer vom DVR in Auftrag gegebenen Umfrage gab fast die Hälfte der Befragten an, bereits mindestens eine kritische Situation mit dem Gegenverkehr auf Landstraßen gehabt zu haben. Das Risiko auf Landstraßen zu verunglücken ist somit besonders hoch.

Gibt es einen Typ Mensch, der eher gefährdet ist, einen Unfall mit einem entgegenkommenden Fahrzeug zu verursachen?

Es ist schon möglich, Autofahrer und -fahrerinnen einem bestimmten Typ zuzuordnen, zum Beispiel einem Lebensstiltyp. Wie verschiedene Studien der Bundesanstalt für Straßenwesen zeigen, fährt der auf das Auto und Autofahren fokussierte Lebensstiltyp grundsätzlich riskanter und schneller als andere Fahrertypen. Jedoch können wir nicht sagen, ob dieser Typ auch tatsächlich mehr Gegenverkehrsunfälle verursacht als andere Fahrertypen. Wir können es lediglich vermuten; denn ein solcher Typ ist sehr von seinem fahrerischen Können überzeugt und glaubt fest daran, alles im Griff zu haben.
Menschen unterscheiden sich außerdem darin, wie stark sie in Verkehrssituationen emotional reagieren. Emotionen wie Ärger oder das Empfinden von Stress oder Ungeduld können das eigene Verhalten maßgeblich beeinflussen. Ein unter Stress stehender, ungeduldiger Autofahrer, der befürchtet, einen Termin nicht einhalten zu können, wird sich eher zu einem riskanten Überholmanöver hinreißen lassen als ein gelassener Fahrer, der seine Emotionen besser im Griff hat. Kommt zum Stress dann noch der Ärger über einen zu langsamen Vorausfahrenden hinzu, nimmt die Bereitschaft zu Überholen noch zu. Personen, die durch starke Ungeduld, ausgeprägtes Stressempfinden, erhöhte Reizbarkeit, cholerische Reaktionen und häufige Aggressionsausbrüche charakterisiert sind, werden in der Psychologie als „Typ A“ bezeichnet. Dieser Typ verhält sich häufiger aggressiv im Straßenverkehr als andere Typen.

Fehler bei Überholvorgängen haben häufig fatale Folgen. Neun Prozent der Getöteten auf Landstraßen sind Opfer von Überholunfällen. Es sollte daher immer gelten: Sicherheit geht vor Schnelligkeit und im Zweifel wird nicht überholt. Unsere Befragung hat jedoch gezeigt: Deutlich über die Hälfte aller Befragten (57 %) ärgert sich häufig, wenn andere Autofahrende unter der erlaubten Höchstgeschwindigkeit fahren. Diese Zahl erscheint uns erschreckend hoch, warum ärgern sich so viele Menschen über wenige „verlorene“ Minuten?

Das ist nicht verwunderlich. Viele Menschen ärgern sich im Straßenverkehr. Das ist eine sehr häufige emotionale Reaktion. Ärger entsteht dann, wenn Autofahrer und -fahrerinnen, daran gehindert werden, so fahren zu können, wie sie es möchten. Insbesondere dann, wenn sie daran gehindert werden, ihre Ziele rechtzeitig – wie geplant – zu erreichen. Dabei geht es nicht allein um die Zahl der „verlorenen Minuten“, sondern vielmehr um das Gefühl, „Raum- und Zeitdieben“ zu begegnen, denen man die Schuld zuschreibt, dass man aufgehalten und in seiner Freiheit beschnitten wird. Je stärker die Ursache dafür im Verhalten anderer gesehen wird und weniger in den situativen Umständen, umso wahrscheinlicher ist dann auch eine aggressive Reaktion. Diese kann dann zur Drängelei führen oder zu einem impulsiven Überholmanöver, um sich von diesem Ärgergefühl zu befreien. Ob solche Reaktionen dann auch tatsächlich stattfinden, hängt u. a. von der Fähigkeit ab, mit einem entstehenden Ärger und mit aggressiven Impulsen umzugehen. Und diese Fähigkeit ist individuell ganz verschieden. Insbesondere bei jüngeren Fahrern und Fahrerinnen ist die Kontrolle und Steuerung von Emotionen häufig noch nicht hinreichend ausgebildet.

Ein weiteres Ergebnis der Umfrage war, dass sich jeder zweite Autofahrende durch das Überholverhalten anderer Verkehrsteilnehmender gefährdet fühlt. Ist auf den Landstraßen eine Spaltung zwischen den aggressiven Schnellen und den vorsichtigen Langsamen zu beobachten?

Ich würde nicht von einer Spaltung sprechen. Seit Beginn der Automobilität hat es schon immer Schnelle und Langsame oder Aggressive und Nicht-Aggressive gegeben. Das liegt daran, dass Menschen unterschiedliche Fahrmotive und Persönlichkeitseigenschaften haben. Verändert haben sich jedoch die jeweiligen Voraussetzungen, die im Straßenverkehr für ein zügiges Vorankommen bestehen. So hat die Zahl der Pkw auf deutschen Straßen in den vergangenen drei Jahrzehnten erheblich zugenommen. Das hat zur Folge, dass es viel mehr Begegnungssituationen zwischen den Autofahrenden gibt. Dadurch kann es auch häufiger vorkommen, dass Autofahrer und -fahrerinnen unzufrieden sind, sich ärgern, weil andere zu langsam fahren und sie selbst nicht schnell genug vorankommen. Die Menschen reagieren sehr sensibel darauf, wenn sie sich in ihrer Freiheit eingeschränkt fühlen. Das hat man auch während der Corona-Pandemie gesehen. Für Viele scheint die persönliche Freiheit ein größerer Wert zu sein als die eigene Gesundheit.

Bleiben wir beim Thema Überholen: 90 % der Befragten glaubten, die notwendige Entfernung für einen sicheren Überholvorgang richtig einschätzen zu können. 69 % meinten, sie würden bei unerwartetem Gegenverkehr noch schnell genug reagieren können. Neigen Menschen im Straßenverkehr zur permanenten Selbstüberschätzung und was sind mögliche Maßnahmen dagegen?

Die Überschätzung der eigenen Fähigkeiten und die Unterschätzung der Unfallgefahr sind tatsächlich ein sehr häufiges Phänomen beim Autofahren. Das kann leicht passieren, wenn Autofahrer und -fahrerinnen bislang noch keinen Unfall verursacht haben und ihnen alle – insbesondere riskante – Fahrmanöver sicher geglückt sind. Das geschieht vor allem auch dann, wenn das eigene Urteil und die Wahrnehmung von Geschwindigkeiten und Entfernungen „getrübt“ sind wie z. B. durch Alkohol, Drogen oder Müdigkeit. Eigene Fahrentscheidungen können aber auch durch starke Emotionen oder durch andere Personen (Peers) beeinflusst werden.   Autofahrerinnen und -fahrer sollten daher verstehen, dass solche Fehleinschätzungen vorkommen können – und das nicht nur bei Anderen. Sie sollten verstehen, wie es zu solchen Fehleinschätzungen kommt, und sie sollten wissen, wie sie verhindern können, dass sie sich zu gefährlichen Überholmanövern hinreißen lassen. Um das alles zu erreichen, ist Aufklärung erforderlich. Diese kann im Rahmen von Kampagnen, Zielgruppenprogrammen, Artikeln oder Beiträgen in den unterschiedlichsten Medien – online und offline – erfolgen. Das zentrale Ziel sollte es sein, Autofahrer und -fahrerinnen für die möglichen Gefahren durch das Überholen auf Landstraßen zu sensibilisieren.

Eine weitaus weniger präsente Unfallursache ist das unbeabsichtigte Abkommen vom eigenen Fahrstreifen, welches ebenso zu folgenreichen Zusammenstößen mit einem entgegenkommenden Fahrzeug führen kann. Rund ein Drittel der Befragten, die eine solche Situation bereits erlebt haben, begründen ihr Abkommen vom Fahrstreifen damit, dass sie abgelenkt waren. Ist Ablenkung die größte Gefahr als Unfallursache?

Unter Experten ist man sich einig, dass „Ablenkung“ zu den relevantesten Unfallursachen zu zählen ist. Allerdings lässt sich das aus der amtlichen Unfallstatistik selbst nicht unmittelbar ablesen, da „Ablenkung“ als Unfallursache nicht erfasst wird. Die Gründe für das Abgelenktsein sind vielfältig. Das kann ein Gespräch mit einer mitfahrenden Person sein, eine ausgelassene Stimmung im Fahrzeug, die Benutzung eines Navigationssystems oder die Nutzung eines Handys bzw. Smartphones. Insgesamt 30 % der Befragten einer aktuellen DVR-Umfrage sind nach eigenen Angaben bereits beim Fahren auf einer Landstraße von der Fahrspur abgekommen. Bei 36 % dieser Betroffenen war Abgelenktsein dafür verantwortlich, zum Beispiel durch die Nutzung eines Handys bzw. Smartphones, durch Mitfahrende oder durch Kinder auf dem Rücksitz. Das heißt, relativ viele Autofahrer und Autofahrerinnen haben bereits Bekanntschaft mit der Gefahr gemacht, die durch das Abgelenktsein beim Fahren auf einer Landstraße entstehen kann. Diese Tatsache ließe sich sinnvoll in Aufklärungskampagnen aufgreifen.


Umfrage im Auftrag des DVR
Online-Blog: „Der automobile Mensch“

Portraitfoto Mann Dr. Hardy Holte

Dr. Hardy Holte

Dr. Hardy Holte ist seit 1999 als Psychologe bei der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) mit der Forschungsbetreuung sowie der Durchführung von Eigenforschung betraut. Inhaltliche Schwerpunkte liegen in den Bereichen jüngere und ältere Verkehrsteilnehmer, Verkehrssicherheitskampagnen, Aggressionen im Straßenverkehr und Verkehrsklima. Als Projektleiter oder Mitarbeiter war er in zahlreichen nationalen BASt-Projekten sowie in internationalen BASt-Kooperationen tätig. Außerdem hat Dr. Holte einen Online-Blog zu verkehrspsychologischen Themen: „Der automobile Mensch“.

Foto: Dr. Hardy Holte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.