Die Rechte von Unfallopfern stärken

Peter Schlanstein, Geschäftsführender Vorstand der Verkehrsunfall-Opferhilfe Deutschland e.V.

Frau steht in einer Menschenmenge, die um sie herum verwischt. Sie hält die Hände vor das Gesicht.
Ein Verkehrsunfall ist ein einschneidendes Erlebnis. Die Folgen für die Betroffenen sind weitreichend. Foto: terovesalaien, 221688877, stock.adobe.com

Das Risiko, einen schweren Verkehrsunfall zu erleiden, ist in Deutschland auf keiner Straßenart so hoch wie auf Landstraßen. Zwar ereignen sich die weitaus meisten Unfälle mit Personenschaden innerorts, doch das Verhältnis kehrt sich gravierend um, wenn die Zahl der Getöteten betrachtet wird. Für Angehörige ist das Leid oft unermesslich.

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Landstraßen – schön, aber gefährlich

Alleen und Landstraßen sind beliebt, aber außerordentlich gefährlich. Nach aktuellen Daten ereignen sich dort über 25 Prozent aller in Deutschland registrierten Unfälle mit Personenschaden. Zugleich zeichnen sich die Landstraßenunfälle durch eine besonders hohe Schwere aus: 58 Prozent der im Straßenverkehr tödlich Verletzten, im Jahr 2021 waren es fast 1.500 Menschen, kamen auf Landstraßen ums Leben. Ursächlich hierfür sind oft überhöhtes Tempo oder Fehlbeurteilung von Abstand und Geschwindigkeit entgegenkommender Fahrzeuge. Eine hohe Geschwindigkeit nimmt unmittelbaren Einfluss auf die Kollisionswahrscheinlichkeit sowie auf die Schwere des Schadens.

Wenn das Thema Straßenverkehrssicherheit zur Sprache kommt, stehen meistens Unfallstatistiken im Mittelpunkt, allen voran die Zahlen der Getöteten und Verletzten. Es wird geschätzt, dass für jedes verlorene Leben fünf weitere Menschen schwere Verletzungen mit lebensverändernden Folgen erleiden. Vom Leid betroffen sind bei einem Unfall mit Todesfolge potenziell 113 Menschen, darunter auch Zeugen, Angehörige, Freunde, Ersthelfer und die Unfallverursacher selbst, wie eine Studie im Auftrag der Verkehrssicherheitskampagne „Runter vom Gas“ gezeigt hat.

Unfallopfer brauchen mehr als Erste Hilfe

Müsste es nicht auch eine Verkehrsunfallstatistik geben, die nicht nur jährlich aktualisiert, sondern über Jahrzehnte kontinuierlich weitergeführt wird? In der jeder Mensch, der im Straßenverkehr verletzt oder traumatisiert wurde, erst dann aus dem offiziellen Zahlenwerk fällt, wenn alle Wunden verheilt und keine körperlichen und psychischen Schäden mehr feststellbar sind? Die Bedeutung der Verkehrsunfälle und ihrer Folgen für die Opfer und für die Gesellschaft würde mit dieser immensen Zahl noch spürbarer. Und es würde deutlicher werden, dass die gesellschaftliche Verantwortung für die Opfer nicht aufhört, wenn ihre Unfälle offiziell „abgehakt“ sind.

Ein Unfall kann das Leben verändern. Entgegen der weitläufigen Meinung geht es für Opfer nicht nur um medizinische Versorgung bei Verletzungen. Denn Opfer von Verkehrsunfällen sind nicht nur all jene Menschen, die bei einem Unfall körperliche und psychische Schäden erlitten haben („Primäropfer“). Auch Zeugen und Angehörige, Ersthelfer oder Unfallverursacher können Opfer sein („Sekundäropfer“). Diese haben zum Teil keine blutenden Wunden, die nach außen hin sichtbar sind. Trotzdem können sie durch die sie belastenden Erlebnisse massiv und prägend beeinträchtigt werden.

Mangelnde Versorgung psychischer Verkehrsunfallfolgen

Leider ist in Deutschland die nötige Inanspruchnahme zeitnah erforderlicher Hilfeleistungen für Verkehrsunfallopfer häufig mit erheblichen rechtlichen und praktischen Schwierigkeiten verbunden. Denn Therapieplätze sind knapp, zumindest bei Kassen-Therapeuten. Verkehrsunfallopfer, die nicht in den Genuss einer privatärztlichen Psychotherapie oder in den privaten Schutz einer gesetzlichen Unfallversicherung (insbesondere für Unfälle am Arbeitsplatz und auf dem Weg von und zur Arbeit) fallen, benötigen deshalb in der Regel einen rechtlichen Beistand, um psychotherapeutische Hilfen zu erhalten. Der Rechtsbeistand sollte deshalb nicht nur im Verkehrsrecht, sondern insbesondere im Sozialrecht versierte Kenntnisse aufweisen, um effektive Unterstützung gewähren zu können und weitere bzw. sich verstärkende psychische Unfallschäden für das Opfer, wie etwa durch ein Verschleppen nötiger Behandlungsleistungen seitens der Versicherer, zu vermeiden. Experten stellten fest, dass es ein verbreiteter Irrglaube ist, dass Versicherungen nach einem Verkehrsunfall etwa automatisch leisten und auf der Seite des Opfers stehen.  

Verkehrsunfallopfer, insbesondere diejenigen mit körperlichen und seelischen Gesundheitsschäden, haben oftmals einen schweren Kampf mit Versicherungen zu führen. Stellvertretend für die Versicherungen kämpfen Rechtsanwälte mit manchmal herabwürdigenden und unsachlichen Mitteln für ihren fragwürdigenden Erfolg zu Lasten von Unfallopfern. Hinzutreten gelegentlich Gutachter, die ihren Markt innerhalb der Versicherungswirtschaft sehen. Letztendlich führt ein solcher Umgang mit Verkehrsunfallopfern zu einer Verlängerung ihrer Leidensgeschichte, zu einem Verlust ihres Vertrauens in unsere Rechtsstaatlichkeit und bei einigen Verkehrsunfallopfern zur Anwendung überzogener Kampfmethoden mit entsprechender Vergeudung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Ressourcen. Einige Verkehrsunfallopfer erleiden durch die Belastungen bei der Auseinandersetzung mit den Versicherern deutlich nachweisbare gesundheitliche Schäden.

Schaden und Schmerz mildern

Das durch die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt), den DVR und die Verkehrsunfall-Opferhilfe Deutschland e.V. (VOD) eingerichtete Internetportal „Hilfefinder“ bietet Unterstützung bei psychischen Belastungen nach Verkehrsunfällen.

Auf der online Plattform www.hilfefinder.de finden Verkehrsunfallopfer, deren Angehörige, Zeugen oder Helfer umfassende Informationen zum Thema psychische Unfallfolgen sowie Kontaktadressen zu Institutionen, die erste Unterstützung bieten. Durch einen frühzeitigen und unbürokratischen Zugang zu professionellen Hilfsangeboten können psychische Unfallfolgen reduziert werden. Vor diesem Hintergrund wurde von der BASt in Zusammenarbeit mit dem DVR und der VOD das Portal entwickelt.

Die UN-Charta aus dem Jahr 2021 zum Schutz von Verkehrsunfallopfern lenkt deutlich den Blick auf den Aspekt der Menschlichkeit im Umgang mit Verkehrsunfallopfern, um die oftmals bestehenden Probleme zu vermeiden. So fordert ein Grundsatz:

„Das Opfer sollte mit Fairness, Respekt und Einfühlungsvermögen behandelt werden, wobei die Situation, in der sich das Opfer nach dem Verkehrsunfall befinden kann, gebührend zu berücksichtigen ist.“

In die gleiche Richtung geht eine Ausarbeitung des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages.

Das zwischenmenschliche Verhalten in der Schadenregulierung ist in Deutschland laut Auskunft von Fachleuten oft mangelhaft. Die „UN-Charta der Rechte von Straßenverkehrsopfern“ fordert deshalb u. a. alle mit der Regulierung von Straßenverkehrsunfällen beteiligten Parteien auf, sich an einen ethischen Verhaltenskodex zu halten, um Unfallopfern gerecht zu werden. Sie möchte die Situation der betroffenen Opfer oder, im Falle des Todes der Opfer, ihrer Familien nach einem Unfall verbessern. Gegenüber Opfern im Straßenverkehr trägt die Anwendung der zehn Grundsätze über deren Rechte, wie sie in dieser Charta gefordert sind, dazu bei, den erlittenen Schaden und Schmerz zu lindern.


Studie im Auftrag der Verkehrssicherheitskampagne „Runter vom Gas“
Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt)
Verkehrsunfall-Opferhilfe Deutschland e.V. (VOD)
Internetportal: Hilfefinder
UN-Charta aus dem Jahr 2021
Ausarbeitung des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages
UN-Charta der Rechte von Straßenverkehrsopfern

Peter Schlanstein im Porträt

Peter Schlanstein

Peter Schlanstein ist seit 2008 Fachkoordinator Verkehr an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW (HSPV NRW), Münster. Zuvor hat er verschiedene Stabs- und Führungsfunktionen in Kreispolizeibehörden und bei der Bezirksregierung Arnsberg wahrgenommen. Er ist seit 2011 Gründungsmitglied und Geschäftsführender Vorstand der Verkehrsunfall-Opferhilfe Deutschland e. V. mit Sitz: Deutsche Hochschule der Polizei (DHPol), Münster. Seit 2017 ist er Vizepräsident der Landesverkehrswacht NRW.

Foto: E. Koßmann

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